Leseprobe 3
Pietro liegt
auf der Matratze, die er direkt unter dem Dachfenster ausgebreitet hat. Die
Wasserflasche auf dem Tisch ist leer, den Hartkäse hat er ganz aufgegessen,
ein wenig Brot ist übrig geblieben. Auch wenn er den Stuhl auf den Tisch
stellen würde, das Fenster in der Dachschräge kann er nicht erreichen. Er
starrt in den Himmel, der sich allmählich verdunkelt. Regentropfen
klatschen auf die Scheibe begleitet von Donnergrollen. Pietro sieht die
Tropfen auf dem Glas zerplatzen. Der erste Blitz zuckt über den Himmel
gefolgt von einem lauten Knall. Der Regen wird heftiger, er wird von
Sturmböen gegen das Dach geschleudert. Das Prasseln hört sich wie
Trommelwirbel an. Der zweite und dritte Blitz lässt Pietros Gefängnis in
gleißendem Licht erscheinen. Immer noch liegt er auf der Matratze und schaut
hinauf zum Oberlicht. Den Himmel kann er nicht mehr sehen, nur den Regen,
der mit Wucht gegen das Fenster geschleudert wird. Nach jedem Blitz hört er
das dumpfe Grollen des Donners das bedrohlich lauter wird und sich in einem
hellen Krachen entlädt. Pietro steht auf und schiebt die Matratze mit den
Füßen an die Wand neben der Tür. Immer noch trommelt der Regen aufs Dach,
zucken die Blitze ums Haus.
Einmal war er
mit Giulia in die Toskana gefahren. Bei einer Wanderung in der Nähe von
Volterra wurden sie von einem Gewitter überrascht. Sie suchten Unterschlupf
in einer Feldscheune. Damals zitterte Giulia vor Angst in seinen Armen. Nach
wenigen Minuten war das Unwetter vorbei und die Sonne strahlte wieder über
den Hügeln um diese alte Etruskerstadt. Wohlbehalten kamen sie in ihr Hotel
zurück. Am nächsten Tag gingen sie in das Etruskische Museum um die
Bronzestatue des geheimnisvollen Knaben von Volterra zu bewundern. Ombra
della sera, der Abendschatten, wurde sie genannt. Giulia stand lange vor
dieser Plastik, studierte die filigrane Arbeit, die Gesichtszüge und fragte
ihn, welches Schicksal diesen Knaben vor fast zweitausendfünfhundert Jahren
ereilt haben könnte, weil ihm solch eine wundervolle Bronzeplastik mit ins
Grab gelegt wurde. Pietro konnte ihr keine Antwort geben.
"Gestern nach
dem Gewitter in der Feldscheune", sagte sie, "sah ich deinen langen
Schatten, als du in der Tür standst, er glich diesem Jungen aus Volterra".
Sie drückte sich an Pietro und redete weiter: "Ich habe Angst, dass mich ein
ähnliches Schicksal treffen könnte." Immer wieder kam sie damals während
ihres gemeinsamen Toskanaaufenthaltes auf dieses Thema zu sprechen. Pietro
musste noch mal mit ihr in das Museum gehen. Es schien so als könne sie sich
nicht satt sehen an dieser Bronzestatue. Auf seinen Einwand hin, dass es
doch nur eine Bronzestatue sei, fauchte sie ihn an: "Rede keinen Unsinn,
diese Bronze wurde einem Jungen mit ins Grab gelegt, dieses Schicksal
interessiert mich, auch wenn es schon ewig lange her ist."
Immer noch
zucken die Lichtblitze durch das Dachfenster in den kahlen Raum. Draußen
tobt der furchtbare Gewittersturm weiter. Pietro hört das Tosen, hört den
Regen, wahre Sturzbäche müssen das sein. Den Kopf in beide Hände gestützt
sitzt er am Tisch. Innständig hofft er, dass dieses Unwetter bald vorbei
sein wird. Ganz deutlich hört Pietro die Worte von Giulia: "Ich habe Angst,
dass mich ein ähnliches Schicksal treffen könnte." Dass ausgerechnet diese
Erinnerung jetzt wiederkommt. Diese Begebenheit liegt schon Jahre zurück.
Erneut blendet ein Lichtblitz durch das Dachfenster, für Bruchteile einer
Sekunde sieht er einen langen Schatten auf dem Dielenfußboden und an der
Wand.
"Ombra della
Sera" murmelt er und schließt die Augen.
Doch im
gleichen Moment fährt Pietro hoch. Der Schatten kann nicht von ihm sein, er
saß eben noch zusammengekauert am Tisch aber der Schatten war aufrecht.