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Das Internet - Feuilleton von Fabrizius
Mai - Juli 2003

Herzlich willkommen im Blauen Salon

   

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Gedanken sind Rätsel unserer Seele
 
Die Nachdenklichkeit ist so eine Sache für sich. Kaum steuerbar beschäftigt
sie unseren Geist, macht glücklich oder fröhlich, macht unglücklich und sogar
traurig.
Der „Gedankenblitz“ hinein in das erlebte Leben gehört genau so dazu wie die
Sehnsüchte einer schlaflosen Nacht.
Gedanken erliegen nie unserem Willen. Sie haben immer etwas Revoluzzerisches
an sich. Sie brechen aus, verselbstständigen sich, gehorchen nicht unserer
Vernunft.
Gedanken können nie vollständig in Worte gesetzt werden. Das Aussprechen der
Gedanken und das Niederschreiben benötigt eine Selektion der Worte, damit
ist der freie Gedanke schon eingeengt.
Ein aufgeschriebener Satz steht für eine feste Zeit, der Gedanke an sich ist
zeitlos. Er ist unruhig und lässt sich nicht fesseln.
Er will sich nicht vom gesprochenen Wort gängeln lassen.
Gedanken sind in dem Moment, in dem sie gedacht sind, absolut. Erst die
Überlegung danach relativiert sie. Der formulierte Gedanke ist in ein Schema
gepresst.
Gedanken sind nie „nur“ Worte. Im Geiste entstehen Bilder, Emotionen,
Stimmungen und Gefühle. Worte allein machen noch keinen Gedanken.
Aus einer inneren Unruhe heraus entstehen vielfältige Überlegungen.
Ungeordnet und unstet rasen sie in unserem Hirn.
Aber sie entstehen nicht nur in unserem Gehirn. Dahinter verbergen sich
Seele und Herz. Nur der Mensch in seiner Ganzheit kann Gedanken erklärbar machen.
Unverhofft schnellen sie heraus und vermitteln eine Geisteswelt die bunter
und vielfältiger nicht sein könnte. Die Phantasie ist eine besondere Form der
Gedanken.
Sie sind Stimmungen unterworfen. Auch der glücklichste Mensch kann in seiner
Seele traurig sein; unsere Gedanken beleuchten beides, nicht nur das
Oberflächliche. Sie steigen hinab in unser Innerstes und konfrontieren uns damit.
Sie produzieren Zuneigung, Liebe, Hass und Gleichgültigkeit.
Sie werden zur menschlichen Leidenschaft.
Klarheit und Offenheit vermischen sich mit Zweifeln und Ängsten.
Sie geben uns immer wieder ein Rätsel auf.

Das alte Volkslied „Die Gedanken sind frei“, um 1790 entstanden,
verkörperte damals wie heute den Wunsch das zu sagen was man denkt. Oft ein
gefährliches Unterfangen auch noch in unserer heutigen Zeit.
Ich wünsche mir viele Menschen mit freien Gedanken. Sie verdienen unser
aller Respekt.

 


 
 
Aus der Gerüchteküche
 
„Hast Du’s schon gehört?“ ganz aufgeregt erzählt es die Res über den Gartenzaun hinweg. „Der Xaverbene hat was mit der Schreiber-Marie!“
 
„Na so was, ha!“ geifert die Urschl zurück. „Habs mir doch glei denkt!“ Beide Frauen stecken die Köpfe zusammen und ergötzen sich an der Neuigkeit. In dem Moment entsteht etwas gesellschaftspolitisch hoch Brisantes ... ein Gerücht. Es wird seinen Lauf nehmen. „Stell Dir vor, gestern auf’d Nacht isser zu ihr ins Haus eini ghuscht. Hat sich no amol umigschaut, und drin war er! Geschlagene drei Stunden war er bei ihr. Drei Stunden, hab extra auf die Uhr gschaut!“
 
Gerade die zwischenmenschlichen Beziehungen sind es, die Anlass geben können ein Gerücht in die Welt zu setzen. Die kleine Erzählung da oben soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass nur Frauen diesem Hobby frönen, auch die Männerwelt mischt da fleißig mit.
 
Njx gewisses weiß man nicht ... Aber das ganz genau!
So ist das mit Gerüchten. Wer hat was mit wem? Wer bekommt von wem ein Kind?
Und überhaupt ... mer red ja nix, mer sacht ja bloß!“
Gerüchte sind „das Salz in der Suppe“, sind die interessanten Einsprengsel im täglichen Allerlei. Selbst ernsthafte Leute ergötzen sich daran. Gerüchte sind „IN“.
Ein paar in der Öffentlichkeit stehende Zeitgenossen sind besonders anfällig für diese Art von Pseudoinformation. Da wird etwas dazu erfunden, auch mal was weggelassen. So ein Gerücht ist einem stetigen Wandel unterworfen. „Hast Du schon gehört?“ Mit dieser Frage fängt es an. Und dann beginnt die Kaskade der Halbwahrheiten. Irgend etwas ist immer dran an so einem Gerücht. Unter vorgehaltener Hand aber auch in aller Öffentlichkeit werden Lebensweisen und Verhaltensmuster unserer Mitmenschen aufs Korn genommen. Es ist ja so schön subversive Dinge über andere zu erfinden und zu erzählen. Ahnungslose Gesprächspartner werden genau instruiert und mit Detailinformationen gefüttert. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Vermutungen werden als Tatsachen gehandelt.
 
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich das Ganze.
Selbst ernsthafte Gegendarstellungen werden ignoriert. Ist ein Gerücht erst mal restlos aufgeklärt hat es keinen Unterhaltungswert mehr. Da muss der Hauch des Unbekannten bleiben. So einiges muss noch im Dunkeln sein, dann bleibt es interessant.
 
Niemand ist dagegen gefeit.
Später kann keiner mehr sagen wie alles angefangen hat. Das ist plötzlich da und wird durch tausend Zungen verbreitet. Die Regenbogenpresse beschäftigt dutzende von Redakteuren um solchen Informationen nachzugehen. Da wird recherchiert und in das Intimleben Anderer eingedrungen. Schonungslos werden Begebenheiten aus dem Zusammenhang gerissen und verbreitet. Vor der eigenen Haustüre kehren die wenigsten.
Allzu menschlich ist dieses Verhalten.