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- Das Internet - Feuilleton
von Fabrizius
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- Mein Lebensmittelpunkt
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Neulich hat mich einer
danach gefragt.
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„Wo“, so hat er gefragt,
„ist dein Lebensmittelpunkt?“ Dabei zielte er auf eine ganz konkrete
Angabe. Er erwartete eine geografische Bestimmung,
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In etwa so: „Mein
Lebensmittelpunkt ist in dieser Stadt in dieser Strasse!“ Natürlich
bin ich nach dieser Frage wieder mal ins Grübeln gekommen. Kann man
einen Lebensmittelpunkt nach einer geografischen Lage ermitteln? Was
ist der Lebensmittelpunkt? Es wäre zu einfach sich in sein Wohnzimmer
zu stellen und zu sagen: „Hier ist mein Lebensmittelpunkt!“ Vielleicht
wären Bürokraten mit so einer Antwort zufrieden, weil sie eine genaue
Adresse für den Lebensmittelpunkt aufschreiben könnten. Mein Leben
spielt sich immer dort ab, wo ich agiere, arbeite, faulenze, schlafe,
diskutiere, schweige. Und dort muss auch mein Lebensmittelpunkt sein.
Ich trage ihn mit mir herum, mal bin ich dort, mal bin ich da. Ich
bewege mich nicht um meinen Mittelpunkt, sondern dieser bewegt sich
mit mir. Findige Juristen konstruieren irgendwelche Paragraphen um per
Gesetz einen Lebensmittelpunkt zu fixieren. Immer dort wo ich den
Hauptwohnsitz angemeldet habe ist der Lebensmittelpunkt. Ist das so
einfach? Oder ist der Lebensmittelpunkt dort, wo ich schlafe? Dort wo
ich arbeite? Dort wo ich mich überwiegend aufhalte? Ja, überall dort
ist er, aber nie fixiert an einer Stelle, er ist immer an den Menschen
gebunden. Wenn ich in Mexiko Urlaub mache, dann ist mein
Lebensmittelpunkt doch nicht in Bayern ... der ist selbstverständlich
mit mir auf Reisen. Ich verlasse nie meinen Mittelpunkt, der geht mit
mir, überall geht der mit. Vielleicht betrachte ich diese Frage auch
zu philosophisch. Steuertechnisch ist es einfacher – ich zahle dort
meine Steuern, wo ich gemeldet bin. Ich wähle dort die Sozis wo ich
meinen Hauptwohnsitz habe. Aber ist das der Lebensmittelpunkt? Was lag
näher als über diverse Suchmaschinen das Internet zu befragen. Aber
... absolute Fehlanzeige. Hier wird der Begriff „Lebensmittelpunkt“
bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Das haben so abstrakte Begriffe
nun mal für sich, sie lassen sich vor viele Karren spannen. Es ist
schwer eine befriedigende Definition zu finden. Schaut man erst ins
Steuerrecht, dann hagelt es nur so von Richtlinien und
Ausnahmerichtlinien. Letztendlich habe ich keine befriedigende Antwort
gefunden. Ich für mich weiß wo mein Lebensmittelpunkt ist. Er ist
ortsungebunden ausschließlich bei mir und wem das nicht passt, der
soll sich an die eigene Nase fassen.
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Da bin ich ins Grübeln gekommen
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(Vorsicht Satire)
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- Verschwende keine
Zeit damit, dem Jammerer helfen zu wollen. Der Jammerer will
Publikum, keine Lösungen.
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Diesen
Spruch habe ich neulich in einer Zeitschrift gelesen. Habe erst ganz
für mich den Kopf geschüttelt, aber beim zweiten Nachdenken bin ich
ins Grübeln gekommen.
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Da ist viel
Wahrheit drin in diesem Sinnspruch. Lamentieren um des Lamentierens
willen ist eine durchaus verbreitete Sache. Es ist so schön bedauert
zu werden, aber wehe da kommt jemand daher und sagt dem Jammerer mal
was Sache ist, boa ... der will die „heile Welt“ des Lamentierens
zerstören. Kein guter Gedanke. Das Hineinflüchten in eine
bedauernswerte Scheinwelt mit ihrem erbettelten Mitleid und
gespieltem Lamento ist allemal leichter zu gestalten als das
zielsichere Anpacken eines eigenen Lebens in die Zukunft. „Öl auf
die wunde Seele gießen“, alle sind schlecht, nur ich bin gut.
Mitleidvolle Blicke erhaschen: „Seht her, ich bin ein
beklagenswertes Geschöpf! - Seht her, die Welt hat mich ausgebeutet!
Seht her, ich leide!“ Der kummervolle Blick, die bigott gegen den
Himmel gerichteten Augen. Die Frage nach dem „Wie-geht-es-weiter“
wird mit einem vielsagenden Allerweltsschmerz-Seufzer beantwortet.
Da kommt Stimmung auf, das Bedauern folgt unweigerlich aufs
Lamentieren. Wehe es kommt jetzt von irgendwoher ein Ratschlag, eine
Aufforderung zum Gestalten des eigenen ich’s.
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Und da haben
wir noch „das Publikum“ ... diejenigen, die dem Lamento zuhören, den
Kopf schütteln, mitstöhnen und sich mit dem Jammerer für Momente in
einem Boot wähnen. Genau, es sind nur Momente, eigentlich ist man ja
froh nicht dessen „Schicksal“ teilen zu müssen. Von dieser Warte aus
gelingt es leicht sein „Bedauern“, sein „Mitgefühl“ zu zeigen.
Sobald der Blickkontakt beendet ist existiert der Jammerer nicht
mehr.
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Bis auf eine
Ausnahme. Es kann durchaus passieren, dass Vereinzelte im Publikum
sich „verpflichtet fühlen“ dem Lamento beizupflichten. Das kann aus
einer gewissen Abhängigkeit heraus passieren oder aus dem Gefühl
eines „schlechten Gewissens“.
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Oder er hat
einfach nicht die Courage mal „auf den Tisch zu hauen“ und „Schluss
damit“ zu sagen. Wenn er es könnte würde er dem Jammerer aus dem
Wege gehen, weil er es aber nicht auf Dauer kann lässt er es
geschehen.
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Spätestens
jetzt erhebt sich die grundlegende Frage:
„Warum bleibt ein Jammerer ein
Jammerer?“
Entweder es gibt dafür keine einzige oder sehr viele Antworten. Wenn
es viele Antworten geben sollte, welche kommt der Wahrheit am
nächsten?
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„Er gefällt sich in seiner Rolle!“
Warum gefällt er sich darin? Weil er sich vor Publikum aufspielen
kann. Wenn dem Jammerer keiner mehr zuhört; wetten, dass er dann
seine Lamentiererei sein lässt.
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„Niemand bietet ihm Paroli!“
Er schart nur jene Leute unter sein Publikum, von denen er sicher
weiß, dass er bemitleidet wird. Der Jammerer meidet „Gegenwind“,
Leute, die ihm ihre eigene Meinung sagen.
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Ganz gezielt
versucht er Helfer und Helfershelfer um sich herum zu postieren.
Kritische Zeitgenossen mit eigenständiger Meinung werden gemieden.
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Nachwort:
Sicher ist nicht alles so schlimm, wie ich es in meiner kleinen
Satire geschildert habe (oder doch?), aber ab und an habe ich beim
ersten Vorlesen dieser Zeilen in einer kleinen Runde ein verstecktes
Nicken beobachten können. In der darauf folgenden Diskussion wusste
jeder über Beispiele aus seinem Umfeld zu berichten ohne je zu dem
diversen „Publikum“ gehören zu wollen, geschweige denn selber ein
„Jammerer“ zu sein. Es menschelt halt überall.
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