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Märchen für Erwachsene |
- Das Internet - Feuilleton
von Fabrizius
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Herzlich willkommen
im Blauen Salon |
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Waldeslust
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Von weitem
erkennt man sie. Der Körper wiegt sich zwischen zwei ‚Spinnenbeinen’.
Das Outdoor-Dressing ist perfekt. Die Skistöcke ... sorry ...
Nordic-Walking-Sticks passen farblich zum Sweater, das Stirnband zeigt
stolz das Markenemblem auf blassrotem Hintergrund. Nur die Figur, die
muss erst noch werden. Deutlich mehr Pfunde als normal quälen sich
zwischen den Stöcken, die krampfhaft versuchen einen gleichmäßigen
Takt auf den Kiesboden zu schlagen. Beide Ladys sind jenseits der
knackigen Jahre. Das Make up unter dem Stirnband will gar nicht so
recht passen zu dieser Quälerei. Dementsprechend sind die Lippen der
Damen zusammengekniffen, die Augen blinzeln etwas deplaziert unter dem
Lidschatten hervor. Die Walking-Schuhe, aus denen pinkfarbene Söckchen
die Wade hochklettern, erinnern an overdresste Girlies einer
Modezeitschrift.
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Ein wenig
verloren stehe ich abseits des Waldweges im Gras. Ich habe beschlossen
der geballten Frauenpower Platz zu machen, damit ich außerhalb ihrer
Stockreichweite bin. Meine biederen Wanderschuhe wollen gar nicht so
recht zu dieser Begegnung passen. Mein breiter Filzhut, schon in die
Jahre gekommen, kann nicht mithalten mit den Stirnbändern der
alternden Amazonen. Etwas verlegen nehme ich meine Hände aus den
Hosentaschen. Nicht mal mit einem schlichten Wanderstab kann ich
aufwarten.
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Dementsprechend
bemitleiden mich ihre Blicke, die mir unmissverständlich sagen: ‚Ach
Gottelchen, so traut der sich in den Wald!’
- Mein ‚Grüß Gott’
verhallt unerwidert zwischen den Bäumen. Sie schnauben an mir vorbei.
Gerade noch hatte ich den Duft des Frühlings in meiner Nase als dieser
jäh durch eine unsichtbare Parfümwolke verdrängt wurde. Auf gleicher
Höhe mit ihnen sehe ich Wimperntusche, die sich als Rinnsaal den Weg
zum Mundwinkel bahnt. Sie sind vorbei, doch das Schauspiel geht
weiter. Pralle Rundungen füllen das Bild, daneben die zierlichen
Stecken, die immer und immer wieder über den Boden geschleift werden.
Nur langsam weicht die Parfümkollektion aus meiner Nase und macht dem
frischen Laub Platz. Erst jetzt setze ich den Weg fort, spitze meinen
Mund und Pfeife das altdeutsche Lied: ‚Waldes-lu-hu-hust,
Waldeslu-hu-hust, oh wie einsam schlägt die Brust!’. Ich versuche mich
dem Takt anzupassen, den mir die entschwindenden Pobacken vorgeben.
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Matjes und
Himbeertorte
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(oder Prosecco und Kamillentee)
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Gegen das Aprilwetter Anfang Mai wollte ich gar nichts sagen,
schließlich regnete es nicht. Bei knapp zehn Grad zeigte sich der
Himmel wolkenverhangen, in der Passauer Fußgängerzone drängelten sich
die Leute.
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„Ich habe Hunger!“ Meine Frau Doris legte exakt die Intensität in ihre
Stimme, die keinen Aufschub duldete.
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Bevor wir unseren Golf in die frei werdende Parklücke
hineinbugsierten, schenkte uns der nette Urlauber seine noch nicht
abgelaufene Parkkarte. „Ein gutes Omen!“ dachte ich für mich.
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Doris entschied sich für ein Matjes-Brötchen. Eigentlich heißen die
Brötchen hier im Niederbayrischen Semmel. Aber Matjes-Semmel wäre ein
zu großer Stilbruch gewesen, deshalb entschloss ich mich für das
neutrale Brötchen, denn das norddeutsche Wort ‚Rundstück’ wäre hier im
äußersten Südosten Bayerns doch zu exotisch. Für mich wählte ich eine
Lachs-Semmel. “Recht salzig!“ bemerkte Doris noch, kaute aber
genüsslich weiter. Nach einem Schaufensterbummel kam ich auf die Idee,
meine Frau zu einem Kaffee einzuladen. Wir gingen über den Rindermarkt
und steuerten das Cafe Simon an. Alle Köstlichkeiten einer
Chocolaterie weckten unsere Gelüste. „Ich mag jetzt keinen Kaffee, ich
nehme einen Tee!“ Wir setzten uns auf eine gemütliche Eckbank. Während
ich ein dringendes Bedürfnis erledigte bestellte meine Frau. Zwei Glas
Prosecco, für mich einen Kaffee und der Kamillentee war für Doris.
Prosecco und Kamillentee, ‚auch nicht alltäglich’ ging es mir im Kopf
herum. Nach dem ersten Schluck das sanfte Prickeln auf der Zunge. Dann
stand die Bedienung wieder vor unserem Tisch und servierte ein
ordentliches Stück Himbeertorte. Jetzt konnte ich mir ein Grinsen
nicht verkneifen. Himbeertorte nach Matjes, eine geniale Komposition,
welcher Gourmet wäre auf solch eine Kreation gekommen. „Das schaffe
ich nicht alleine!“ Genau das befürchtete ich. Der Batzen Sahne, der
die Himbeeren halb verdeckte, war gigantisch. Ihre grünen Augen
strahlten zu mir herüber. „Du musst mir helfen!“ Ich wusste es. Nach
wenigen Bissen schob Doris die Kalorienbombe zu mir. „Meine Hände
stinken noch nach Fisch!“ war ihr einziger Kommentar, dabei nippte sie
abwechselnd Kamillentee und Prosecco.
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