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Das Internet - Feuilleton von Fabrizius
Mai - Juni 2005

 Herzlich willkommen im Blauen Salon

   

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Waldeslust
 
Von weitem erkennt man sie. Der Körper wiegt sich zwischen zwei ‚Spinnenbeinen’. Das Outdoor-Dressing ist perfekt. Die Skistöcke ... sorry ... Nordic-Walking-Sticks passen farblich zum Sweater, das Stirnband zeigt stolz das Markenemblem auf blassrotem Hintergrund. Nur die Figur, die muss erst noch werden. Deutlich mehr Pfunde als normal quälen sich zwischen den Stöcken, die krampfhaft versuchen einen gleichmäßigen Takt auf den Kiesboden zu schlagen. Beide Ladys sind jenseits der knackigen Jahre. Das Make up unter dem Stirnband will gar nicht so recht passen zu dieser Quälerei. Dementsprechend sind die Lippen der  Damen zusammengekniffen, die Augen blinzeln etwas deplaziert unter dem Lidschatten hervor. Die Walking-Schuhe, aus denen pinkfarbene Söckchen die Wade hochklettern, erinnern an overdresste Girlies einer Modezeitschrift.
Ein wenig verloren stehe ich abseits des Waldweges im Gras. Ich habe beschlossen der geballten Frauenpower Platz zu machen, damit ich außerhalb ihrer Stockreichweite bin. Meine biederen Wanderschuhe wollen gar nicht so recht zu dieser Begegnung passen. Mein breiter Filzhut, schon in die Jahre gekommen, kann nicht mithalten mit den Stirnbändern der alternden Amazonen. Etwas verlegen nehme ich meine Hände aus den Hosentaschen. Nicht mal mit einem schlichten Wanderstab kann ich aufwarten.
Dementsprechend bemitleiden mich ihre Blicke, die mir unmissverständlich sagen: ‚Ach Gottelchen, so traut der sich in den Wald!’
Mein ‚Grüß Gott’ verhallt unerwidert zwischen den Bäumen. Sie schnauben an mir vorbei. Gerade noch hatte ich den Duft des Frühlings in meiner Nase als dieser jäh durch eine unsichtbare Parfümwolke verdrängt wurde. Auf gleicher Höhe mit ihnen sehe ich Wimperntusche, die sich als Rinnsaal den Weg zum Mundwinkel bahnt. Sie sind vorbei, doch das Schauspiel geht weiter. Pralle Rundungen füllen das Bild, daneben die zierlichen Stecken, die immer und immer wieder über den Boden geschleift werden. Nur langsam weicht die Parfümkollektion aus meiner Nase und macht dem frischen Laub Platz. Erst jetzt setze ich den Weg fort, spitze meinen Mund und Pfeife das altdeutsche Lied: ‚Waldes-lu-hu-hust, Waldeslu-hu-hust, oh wie einsam schlägt die Brust!’. Ich versuche mich dem Takt anzupassen, den mir die entschwindenden Pobacken vorgeben.

 

Matjes und Himbeertorte
(oder Prosecco und Kamillentee)
 
Gegen das Aprilwetter Anfang Mai wollte ich gar nichts sagen, schließlich regnete es nicht. Bei knapp zehn Grad zeigte sich der Himmel wolkenverhangen, in der Passauer Fußgängerzone drängelten sich die Leute.
„Ich habe Hunger!“ Meine Frau Doris legte exakt die Intensität in ihre Stimme, die keinen Aufschub duldete.
Bevor wir unseren Golf in die frei werdende Parklücke hineinbugsierten, schenkte uns der nette Urlauber seine noch nicht abgelaufene Parkkarte. „Ein gutes Omen!“ dachte ich für mich.
Doris entschied sich für ein Matjes-Brötchen. Eigentlich heißen die Brötchen hier im Niederbayrischen Semmel. Aber Matjes-Semmel wäre ein zu großer Stilbruch gewesen, deshalb entschloss ich mich für das neutrale Brötchen, denn das norddeutsche Wort ‚Rundstück’ wäre hier im äußersten Südosten Bayerns doch zu exotisch. Für mich wählte ich eine Lachs-Semmel. “Recht salzig!“ bemerkte Doris noch, kaute aber genüsslich weiter. Nach einem Schaufensterbummel kam ich auf die Idee, meine Frau zu einem Kaffee einzuladen. Wir gingen über den Rindermarkt und steuerten das Cafe Simon an. Alle Köstlichkeiten einer Chocolaterie weckten unsere Gelüste. „Ich mag jetzt keinen Kaffee, ich nehme einen Tee!“ Wir setzten uns auf eine gemütliche Eckbank. Während ich ein dringendes Bedürfnis erledigte bestellte meine Frau. Zwei Glas Prosecco, für mich einen Kaffee und der Kamillentee war für Doris. Prosecco und Kamillentee, ‚auch nicht alltäglich’ ging es mir im Kopf herum. Nach dem ersten Schluck das sanfte Prickeln auf der Zunge. Dann stand die Bedienung wieder vor unserem Tisch und servierte ein ordentliches Stück Himbeertorte. Jetzt konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Himbeertorte nach Matjes, eine geniale Komposition, welcher Gourmet wäre auf solch eine Kreation gekommen. „Das schaffe ich nicht alleine!“ Genau das befürchtete ich. Der Batzen Sahne, der die Himbeeren halb verdeckte, war gigantisch. Ihre grünen Augen strahlten zu mir herüber. „Du musst mir helfen!“ Ich wusste es. Nach wenigen Bissen schob Doris die Kalorienbombe zu mir. „Meine Hände stinken noch nach Fisch!“ war ihr einziger Kommentar, dabei nippte sie abwechselnd Kamillentee und Prosecco.