|
Home Rom Kindertexte Info-Seite Satire Texte und mehr Foren u. Links
Notizen Gastautoren
Märchen für Erwachsene |
- Das Internet - Feuilleton
von Fabrizius
|
|
Herzlich willkommen
im Blauen Salon |
|
|
|
Zurück zur
Feuilleton-Übersicht |
|
|
|
|
|
|
|
Novemberstimmung
Feinzarte
Nebelschleier überziehen die allzu bunten Farben des Herbstes. Zu viel
der Farbenpracht darf es heute nicht werden. Melancholie ist angesagt,
so wie es sich an einem Novembertag gehört. Die Farben wollen heute
nicht so leuchten. Die Herbstsonne fehlt. Wie eine unsichtbare Patina
hat sich einer feiner Schleier grau in grau auf die bunten Blätter
gelegt.
Novembermorgen
Wie dürre Finger recken sich
die Äste der Birke in den Nebel. Wenige Blätter hängen
zusammengeschrumpelt am Kastanienbaum. Der Nebel erstickt die
Leuchtkraft des rotbraunen Laubes auf dem Kiesweg.
Gedämpft der Motorenlärm der Autos, die milchigtrüb mit den
Scheinwerfern ihren Weg finden. Heute morgen gibt es keinen Himmel und
keinen Horizont.
Kinderlachen zerreißt die Tristesse. Der kleine Wirbelwind fliegt auf
mich zu und lässt all die Sonne aus seinem Herzen strahlen. Isabel, mit
deinem Kinderlachen hast du den Novembermorgen vergoldet.
Wie viel November verkrafte
ich noch?
Der kleine Fetzen blauer
Himmel
war nicht lange zu sehen.
Allzu schnell verhüllten Wolken und Nebelschleier
das wenige Himmelsblau.
Die Farben im November sind blasser,
die goldgelben Töne des Oktobers verschwinden.
So wie die Zugvögel verlassen sie unsere Natur,
überlassen dem Winter die Eintönigkeit und warten,
bis der Mai sie wieder hervorlockt.
|
|
|
|
|
|
-
Vorweihnachtszeit
-
Nein, ich werde keine Vorweihnachtsgeschichte
schreiben. Viel lieber erzähle ich von meinem Freund Abdella, einem
Freund, der heuer das erste mal unser Weihnachten kennen lernen wird.
Irgendwann im November spazierten wir gemeinsam durch die
Fußgängerzone, er fühlte sich unwohl in seiner Kleidung. Bis vor fünf
Monaten war er in Teluet zuhause, einem Dorf im Hohen Atlas in
Marokko. Er trug die landestypische blaue Gandoura.
Abdellah ist ein Angehöriger des
Touareg-Stammes der Nouaji. Nur ein einziges mal war er in einer
Großstadt, in Agadir. Als Jüngster und Einziger seiner Sippe sucht er
die Zukunft in Europa.
-
Europa ist ihm fremd, nur zögerlich will er dieses Andere begreifen.
Er kennt seine Stammesriten, das karge Leben am Rande der
Zivilisation. Begriffe wie Ehre und Gastrecht sind ihm heilig. Wie
wird er sich hier in unserer Zivilisation zurechtfinden?
-
Abdellah hat ein feines Gespür für Stimmungen. Wenige Worte
Französisch konnte er, jetzt lernt er mit viel Enthusiasmus Deutsch.
Bei jeder sich bietenden Gelegenheit probiert er seine neue Sprache
aus. Akribisch malt er die ihm ungewohnten Schriftzeichen aufs Papier.
Er will lernen, will seine neue Welt begreifen.
-
Er sieht die ersten Weihnachtsauslagen in den Schaufenstern und fragt
nach.
-
Mit dem Christengott kann er etwas anfangen, auch er betet mehrmals
täglich zu seinem Gott, den er Allah nennt. Als Touareg lebt er einen
offenen Islam. Wörter wie Fundamentalismus und Gotteskrieger sind ihm
fremd. Unter der Allmacht Gottes ist er nach Europa gekommen, hierher
nach Niederbayern. Er stellt sein Leben unter den Schutz Allahs. Hier
sieht er die barocken Gotteshäuser und einen schwindenden Glauben an
den Christengott. Abdellah wundert sich, dass die Menschen hier den
Geburtstag Jesu überschwänglich feiern obwohl sie ihren Glauben nicht
ernst nehmen. Auch im Islam gibt es Jesus, gibt es Maria, die Mutter
Jesu. Er fragt mich was diese Glitzersterne und was der Rummel in den
Strassen mit unserem Glauben zu tun hätten. Ich zucke mit den Achseln
und antworte: „Bald ist Weihnachten!“ Eine bessere Antwort fiel mir
nicht ein.
-
Bei seiner Hadsch nach Mekka wären viel mehr Menschen auf den Beinen
gewesen, alle hätten gebetet und Almosen gegeben. Auch sie hätten
gefeiert, gut gegessen und wären fröhlich gewesen. Aber alle wären im
Namen Allahs unterwegs gewesen.
-
Ich musste ihm mehr über unser Weihnachten erzählen, von der Geburt
des Herrn und dass er auf die Welt gekommen sei, um alle unsere Sünden
zu vergeben. Abdella hörte sehr aufmerksam zu, schaute dabei hinein
ins Schaufenster und sah, wie ein überlebensgroßer Weihnachtsmann aus
Plastik Jingle Bells sang und dabei teuerstes Elektronikspielzeug
anpries.
|
|
|
|
|
|
-
- Alles richtig – alles
falsch
-
-
Das wird auch Schwarz-Weis-Malerei genannt. Dieses Genre hatte bis zum
18. September Hochkonjunktur. Und was wurde dem mündigen Bürger alles
an Tobak aufgebunden. Es wurde eingeteilt in gut und schlecht, in
gescheit und dumm und in brav und böse.
-
Schlecht, dumm oder böse waren immer die anderen. Die
schwarz-rot-gelb-grüne Suppe schwappte über den Tellerrand, kleckerte
in der Glotze rum, schmierte in Zeitungen, plärrte aus dem Radio und
trieb besonders intensiv ihre Stilblüten im Internet. Alles, was sich
öffentliches Leben nennt, war infiltriert. Unmöglich all den
Talkrunden und Polit-Sit-Ins aus dem Weg zu gehen. Die
Beckmanns-Maibrits-Christiansens verstanden es, das letzte, logisch
klingende Wörtlein aus einem Politikerhirn heraus zu quetschen. Immer
nach dem Motto: „Wir sind die Guten!“
-
Aber nun ist es vorbei. All die Promis und Möchtegern-Promis vertragen
sich wieder. Das Lächeln wird ehrlicher, die Reden sind weniger
plakativ, das Wort „Vernunft“ wird häufiger gebraucht.
-
Das Wahlkampfvirus ist besiegt, es erlag seinem eigenen Antikörper,
dem Volk.
-
Viele Therapien haben nicht gegriffen. So klingende Namen wie
‚Politbarometer’ und ‚Repräsentative Umfrage’ konnten dem Virus außer
einem Placeboeffekt nichts anhaben. Begünstigt wurde das
Wahlkampfvirus durch so manches Boulevardblatt, letztendlich reichte
es aber nicht um resistent gegenüber dem Volk zu werden. Der Kampf
dauerte 10 Stunden, exakt von 8:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Zu diesem
Zeitpunkt war das Virus schon inaktiv, es musste nur noch eliminiert
werden.
-
Aber, das ist so wie mit der Vogelgrippe, ein Wahlkampfvirus kann nie
vollständig ausgerottet werden. Sporadisch treten immer mal wieder
Symptome bei abwehrgeschwächten Politikern auf. Das ist weiters nicht
schlimm, weil Spontanverläufe meist ins Lächerliche abdriften. Genau
so sicher wie seine Eliminierung immer wieder gelingt, so gewiss ist
die nächste Epidemie vorauszusehen. So was nennt sich hierzulande
Demokratieverständnis. In diesem Nährboden kann sich das Virus
erholen, kann sich vermehren und Erfahrung sammeln. Der Antikörper,
auch unter dem Begriff „Bürgerinnen und Bürger“ bekannt, hat Zeit sich
auf die Attacke des Wahlkampfvirus einzustellen. Die meisten im
Wahlvolk sind bei ordentlicher Immunitätslage nur verschnupft. Ein
paar Sensibelchen kann es stärker erwischen. Da kommt es schon mal
-
bei den niederen Politchargen zu massiveren Ausfällen wie Beleidigung
und Aussetzer.
-
Letztendlich ist aber auch das gutartig und wird mit der gleichen
Dosis erfolgreich behandelt. Die Dosis heuer war niedrig... zwei
Kreuzchen. Wenn in ein paar Jahren die bayrische Variante des
Wahlkampfvirus aktiv wird, dann ist es mit zwei Kreuzchen nicht getan,
da müssen schon mehr her. Ein Phänomen ist allerdings auf dem
Vormarsch, die Resistenz. Viele Bürgerinnen und Bürger nehmen ihre
Dosis nicht mehr in Anspruch. Das stärkt das Virus, besonders die
Varianten am linken und rechten Rand. Es wäre nicht auszudenken was
passiert, wenn diese aggressiven Wahlkampfviren ihren Nährboden, das
Demokratieverständnis, überwuchern, dann hätte der natürliche
Antikörper, das Volk, keine Chance mehr.
-
-
|
|
|
|
|
|
|
|