Home  Rom  Kindertexte  Info-Seite  Satire  Texte und mehr  Foren u. Links  Notizen  Gastautoren  Märchen für Erwachsene

Das Internet - Feuilleton von Fabrizius
Oktober / November  2005

 Herzlich willkommen im Blauen Salon

   

Zurück zur Feuilleton-Übersicht

     
   

Novemberstimmung

Feinzarte Nebelschleier überziehen die allzu bunten Farben des Herbstes. Zu viel der Farbenpracht darf es heute nicht werden. Melancholie ist angesagt, so wie es sich an einem Novembertag gehört. Die Farben wollen heute nicht so leuchten. Die Herbstsonne fehlt. Wie eine unsichtbare Patina hat sich einer feiner Schleier grau in grau auf die bunten Blätter gelegt.

Novembermorgen

Wie dürre Finger recken sich die Äste der Birke in den Nebel. Wenige Blätter hängen zusammengeschrumpelt am Kastanienbaum. Der Nebel erstickt die Leuchtkraft des rotbraunen Laubes auf dem Kiesweg.
Gedämpft der Motorenlärm der Autos, die milchigtrüb mit den Scheinwerfern ihren Weg finden. Heute morgen gibt es keinen Himmel und keinen Horizont.
Kinderlachen zerreißt die Tristesse. Der kleine Wirbelwind fliegt auf mich zu und lässt all die Sonne aus seinem Herzen strahlen. Isabel, mit deinem Kinderlachen hast du den Novembermorgen vergoldet.

Wie viel November verkrafte ich noch?

Der kleine Fetzen blauer Himmel
war nicht lange zu sehen.
Allzu schnell verhüllten Wolken und Nebelschleier
das wenige Himmelsblau.
Die Farben im November sind blasser,
die goldgelben Töne des Oktobers verschwinden.
So wie die Zugvögel verlassen sie unsere Natur,
überlassen dem Winter die Eintönigkeit und warten,
bis der Mai sie wieder hervorlockt.

 

 
   

 

Vorweihnachtszeit

 

Nein, ich werde keine Vorweihnachtsgeschichte schreiben. Viel lieber erzähle ich von meinem Freund Abdella, einem Freund, der heuer das erste mal unser Weihnachten kennen lernen wird. Irgendwann im November spazierten wir gemeinsam durch die Fußgängerzone, er fühlte sich unwohl in seiner Kleidung. Bis vor fünf Monaten war er in Teluet zuhause, einem Dorf im Hohen Atlas in Marokko. Er trug die landestypische blaue Gandoura. Abdellah ist ein Angehöriger des Touareg-Stammes der Nouaji. Nur ein einziges mal war er in einer Großstadt, in Agadir. Als Jüngster und Einziger seiner Sippe sucht er die Zukunft in Europa.
Europa ist ihm fremd, nur zögerlich will er dieses Andere begreifen. Er kennt seine Stammesriten, das karge Leben am Rande der Zivilisation. Begriffe wie Ehre und Gastrecht sind ihm heilig. Wie wird er sich hier in unserer Zivilisation zurechtfinden?
Abdellah hat ein feines Gespür für Stimmungen. Wenige Worte Französisch konnte er, jetzt lernt er mit viel Enthusiasmus Deutsch. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit probiert er seine neue Sprache aus. Akribisch malt er die ihm ungewohnten Schriftzeichen aufs Papier. Er will lernen, will seine neue Welt begreifen.
Er sieht die ersten Weihnachtsauslagen in den Schaufenstern und fragt nach.
Mit dem Christengott kann er etwas anfangen, auch er betet mehrmals täglich zu seinem Gott, den er Allah nennt.  Als Touareg lebt er einen offenen Islam. Wörter wie Fundamentalismus und Gotteskrieger sind ihm fremd. Unter der Allmacht Gottes ist er nach Europa gekommen, hierher nach Niederbayern. Er stellt sein Leben unter den Schutz Allahs. Hier sieht er die barocken Gotteshäuser und einen schwindenden Glauben an den Christengott. Abdellah wundert sich, dass die Menschen hier den Geburtstag Jesu überschwänglich feiern obwohl sie ihren Glauben nicht ernst nehmen. Auch im Islam gibt es Jesus, gibt es Maria, die Mutter Jesu. Er fragt mich was diese Glitzersterne und was der Rummel in den Strassen mit unserem Glauben zu tun hätten. Ich zucke mit den Achseln und antworte: „Bald ist Weihnachten!“ Eine bessere Antwort fiel mir nicht ein.
Bei seiner Hadsch nach Mekka wären viel mehr Menschen auf den Beinen gewesen, alle hätten gebetet und Almosen gegeben. Auch sie hätten gefeiert, gut gegessen und wären fröhlich gewesen. Aber alle wären im Namen Allahs unterwegs gewesen.
Ich musste ihm mehr über unser Weihnachten erzählen, von der Geburt des Herrn und dass er auf die Welt gekommen sei, um alle unsere Sünden zu vergeben. Abdella hörte sehr aufmerksam zu, schaute dabei hinein ins Schaufenster und sah, wie ein überlebensgroßer Weihnachtsmann aus Plastik Jingle Bells sang und dabei teuerstes Elektronikspielzeug anpries.
 
 

 

 
 
Alles richtig – alles falsch
 
Das wird auch Schwarz-Weis-Malerei genannt. Dieses Genre hatte bis zum 18. September Hochkonjunktur. Und was wurde dem mündigen Bürger alles an Tobak aufgebunden. Es wurde eingeteilt in gut und schlecht, in gescheit und dumm und in brav und böse.
Schlecht, dumm oder böse waren immer die anderen. Die schwarz-rot-gelb-grüne Suppe schwappte über den Tellerrand, kleckerte in der Glotze rum, schmierte in Zeitungen, plärrte aus dem Radio und trieb besonders intensiv ihre Stilblüten im Internet. Alles, was sich öffentliches Leben nennt, war infiltriert. Unmöglich all den Talkrunden und Polit-Sit-Ins aus dem Weg zu gehen. Die Beckmanns-Maibrits-Christiansens verstanden es, das letzte, logisch klingende Wörtlein aus einem Politikerhirn heraus zu quetschen. Immer nach dem Motto: „Wir sind die Guten!“
Aber nun ist es vorbei. All die Promis und Möchtegern-Promis vertragen sich wieder. Das Lächeln wird ehrlicher, die Reden sind weniger plakativ, das Wort „Vernunft“ wird häufiger gebraucht.
Das Wahlkampfvirus ist besiegt, es erlag seinem eigenen Antikörper, dem Volk.
Viele Therapien haben nicht gegriffen. So klingende Namen wie ‚Politbarometer’ und ‚Repräsentative Umfrage’ konnten dem Virus außer einem Placeboeffekt nichts anhaben. Begünstigt wurde das Wahlkampfvirus durch so manches Boulevardblatt, letztendlich reichte es aber nicht um resistent gegenüber dem Volk zu werden. Der Kampf dauerte 10 Stunden, exakt von 8:00 Uhr bis 18:00 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt war das Virus schon inaktiv, es musste nur noch eliminiert werden.
Aber, das ist so wie mit der Vogelgrippe, ein Wahlkampfvirus kann nie vollständig ausgerottet werden. Sporadisch treten immer mal wieder Symptome bei abwehrgeschwächten Politikern auf. Das ist weiters nicht schlimm, weil Spontanverläufe meist ins Lächerliche abdriften. Genau so sicher wie seine Eliminierung immer wieder gelingt, so gewiss ist die nächste Epidemie vorauszusehen. So was nennt sich hierzulande Demokratieverständnis. In diesem Nährboden kann sich das Virus erholen, kann sich vermehren und Erfahrung sammeln. Der Antikörper, auch unter dem Begriff „Bürgerinnen und Bürger“ bekannt, hat Zeit sich auf die Attacke des Wahlkampfvirus einzustellen. Die meisten im Wahlvolk sind bei ordentlicher Immunitätslage nur verschnupft. Ein paar Sensibelchen kann es stärker erwischen. Da kommt es schon mal 
bei den niederen Politchargen zu massiveren Ausfällen wie Beleidigung und Aussetzer.
Letztendlich ist aber auch das gutartig und wird mit der gleichen Dosis erfolgreich behandelt. Die Dosis heuer war niedrig... zwei Kreuzchen. Wenn in ein paar Jahren die bayrische Variante des Wahlkampfvirus aktiv wird, dann ist es mit zwei Kreuzchen nicht getan, da müssen schon mehr her. Ein  Phänomen ist allerdings auf dem Vormarsch, die Resistenz. Viele Bürgerinnen und Bürger nehmen ihre Dosis nicht mehr in Anspruch. Das stärkt das Virus, besonders die Varianten am linken und rechten Rand. Es wäre nicht auszudenken was passiert, wenn diese aggressiven Wahlkampfviren ihren Nährboden, das Demokratieverständnis, überwuchern, dann hätte der natürliche Antikörper, das Volk, keine Chance mehr.