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Das Internet - Feuilleton von Fabrizius
Januar / Februar / März 2006

 Herzlich willkommen im Blauen Salon

   

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Leiden und Leidenschaft

Zwei völlig konträre Worte und trotzdem haben sie einen gemeinsamen Wortstamm.

Die bittere Lebenserfahrung kann der Beginn einer Schaffensperiode sein, wenn das Leiden angenommen wird und daraus eine neue Denkweise entsteht. Dutzende von Biografien berichten über solche Richtungsänderungen im Leben. Was bisher unvorstellbar war wird zur Lebensmaxime.

Neue Lebensräume setzten Kreativitäten frei, erwecken Leidenschaften und bereichern den Alltag.

Ist das die Denkweise von Psychologen oder versteckt sich dahinter eine Lebenskraft, die nur angestoßen werden muss?

"Ich habe es erlebt", berichtet eine Frau Mitte Vierzig, "als ich am tiefsten Punkt meines Leidens ankam war plötzlich eine Kraft da, die ich vorher nie spürte."

Sie erzählte weiter: "Meine Krankheit verzehrte mich, an nichts anderes konnte ich denken, ich malte mir die schlimmsten Szenarien aus und war fixiert in meinem Leid. Resignation und Selbstmitleid begleiteten mich in meinem Alltag."

Wenn keine Umgebung mehr wahrgenommen wird, keine Zukunftspläne geschmiedet werden, dann hat das Leiden den Menschen vollständig in Besitz genommen.

Der Anstoß eines neuen Denkens muss nicht von außen geplant und geführt werden. Jeder Mensch ist in der Lage sich selbst herauszuführen aus dem Dschungel der Leiden. Oftmals braucht es nur einen winzigen Schubs. Das kann der Ratschlag eines Freundes sein, ein Bericht im Fernsehen oder der Zeitung. Es kann ein Buch sein, das genau die Probleme anspricht, die so lange auf der Seele lasteten.

Plötzlich wird das Leiden nicht mehr als unausweichlich hingenommen, sondern als Tatsache anerkannt und ein neues Ziel definiert. Genau dies meinte die Frau mit ihrer Aussage:"... da war eine Kraft da, die ich vorher nie spürte".

Mit Leidenschaft wird dieses neue Ziel angegangen und damit kommt wieder Sinn in den Lebensalltag. Die Resignation ist vorbei, auch wenn noch nicht alles reibungslos abläuft. Die innere Kraft ist da und lässt es nicht mehr zu in seinem Leid zu ersticken. Der Mensch kämpft um seine Zukunft, es ist ihm nicht mehr egal was er tut und was er denkt. Er interessiert sich für seine Umgebung und nimmt sie als einen Teil seines Lebens wahr.

Er ist vom Dulder zum Kämpfer geworden. Mit anderen Worten, der Mensch ist nicht mehr in seinem Leid fixiert, er will in diese Zukunft, und das erfordert seine persönliche Leidenschaft.

 

 

 

 

 

 

 

Von Buckelpisten und Germknödeln

Es ist schon eine Weile her, als ich meinen ersten Germknödel verdrückte. Mehr oder weniger war das Zufall.

Es fing damit an, dass ich Sonntagmorgens um Halbsieben in den Bus stieg. Rundherum müde Gesichter, so manche Alkoholfahne wabberte mir entgegen. Kaum hatten wir das Ortsschild hinter uns gelassen stellte sich der Busfahrer vor. Heinrich hieß er, wir wussten es eh schon alle.

Irgendwann, als die Straßen schmäler wurden, der Schnee sich höher türmte bogen wir in einem riesigen Parkplatz ein. Dutzende von Bussen standen rum. Es wurden Skier ausgeladen und geschultert, Rucksäcke umgeschnallt. Die Schlange zum Kassenhäuschen schien endlos zu sein. Eigentlich war es kein Kassenhäuschen sondern eine Wandelhalle aus Beton und Stahl. Ich überlegte schon, ob es nicht sinnvoller sei eine Halbtageskarte für den Nachmittag zu kaufen, als Schorsch, der Skiclubmanager, uns bat neben dem Eingang zur Jausenstation zu warten.

Wie ein Sonnenuntergang lag er auf dem Teller, die Soße lief cremig von allen Seiten an ihm herunter. Winzige schwarze Kügelchen verteilten sich über Allem. Unter dem Plakat stand: ‚Tagesmenü, Germknödel 23 öS’

Der Schorsch kam zurück und verteilte die Liftkarten.

‚Alle Sessellifte in Betrieb’ stand auf einem Schild neben dem Seilbahneingang. Im Geiste sah ich ‚Germknödel 23 öS’. Oben am Ausstieg stürzten sich die Menschen mit ihren Skiern, ihren roten und gelben Overalls in die Abfahrtshänge.

‚Bitte die Pistenmarkierungen nicht verlassen’, darunter war ein kräftiger roter Strich. Unübersehbar prangte das Schild an einem armdicken Holzpfosten. Ich las in Gedanken: ‚Germknödel 23 öS’

In leichter Hocke lenkte ich meine Skier über den Schnee talwärts und schwang nach wenigen Minuten vor einer Berghütte ab. Da räkelte sich eine Blondine mit Designersonnenbrille auf der Liege, ihr Anorak war offen, darunter ein cremfarbener Pulli, der ihre Rundungen betonte. ‚Germknödel 23 öS’ dachte ich für mich und lächelte.

Die Wintersonne ließ die aufstobenden Schneekristalle in allen Farben schillern. Die Piste wurde buckeliger, ich spürte ein Ziehen in meinen Oberschenkeln, Skigymnastik hätte ich mal machen sollen. Weit drunten sah ich eine Menschenschlange vor dem Lift. Etwas abseits die Jausenstation, auf dem Dach die rot-weiß-rote Fahne der Alpenrepublik. ‚Germknödel 23 öS’

Da stand ich am Pistenrand, das Wasser lief mir im Mund zusammen. Hoffentlich haben die noch welche, wenn ich unten angekommen bin. Die Blondine flitzte vorbei, ich beeilte mich hinterher zu kommen.

Das Plakat war nicht mehr da! Der Schreck fuhr mir durch alle Glieder. Ich hastete in die niedrige Wirtsstube, Zigarettenrauch und allerlei Düfte stemmten sich mir entgegen. Schweinebraten und Currywurst verschwanden in den Mäulern. An der Theke war Hochbetrieb. Almdudler und Weißbier wurde rübergereicht. Jetzt, endlich: „Einen Germknödel bitte!“ mein Herz hüpfe dabei. Ich zählte 25 Öschi auf die Theke, „der Rest ist für sie!“ Endlich, mein erster Germknödel. Er sah noch viel viel schöner aus als auf dem Plakat. Das süße Aroma lockte all meine Sinne. In der einen Hand das Radler, in der anderen den Teller mit meinem Germknödel.

„Tschuldigung, ist hier noch frei?“ Blaue Augen blitzen mich an, „ja bitte!“ sagte sie, die Designersonnenbrille lag neben ihrem Teller. Der cremefarbene Pullover betonte immer noch. Dann aßen wir unsere Germknödel, bissen auf die winzigen Mohnkügelchen und schleckten das dunkelbraune Zwetschgenmus auf.