Der Blick in die Zukunft
Immer waren sie hoch angesehen und
trotzdem lebten sie gefährlich. Die Seher und Traumdeuter konnten, so
behaupteten sie zumindest, in die Zukunft schauen. Sie nannten das
"Weissagen", "Traumdeuten" und "ein Gesicht haben". Immer war und ist es
der Wunsch der Menschheit aus der Gegenwart heraus in die Zukunft zu
blicken. Die Schamanen der Urvölker gaben sich dieser Beschäftigung hin,
die Priester des Orakels von Delphi deuteten die in Trance gesprochenen
Worte der Phythia. Im antiken Rom lasen die Auguren aus den Eingeweiden
von Tieren die Zukunft oder sie deuteten den Vogelflug. Wallenstein
verließ sich auf seinen Sterndeuter Seni.
Vor kurzem sah ich eine lange
Menschenschlange vor einem Zelt stehen, in dem eine Wahrsagerin ihre
Dienste anbot. Aus Kristallkugel, Handlinien und Tarotkarten lesen sie
den Gutgläubigen die Zukunft, natürlich nur gegen Bezahlung versteht
sich. Kommen wir zu den Wahrsagern der Vergangenheit zurück. Sie lebten
in höchstem Maße gefährlich. Traf ein Ereignis nicht ein, das sie
vorausgesagt hatten, konnte es sie Kopf und Kragen kosten. Die Mächtigen
dieser Welt ließen sie blenden, die Zunge herausreißen oder töten.
Klassische biblische Geschichten ranken
sich um die Traumdeutung. So erklärte Josef im 1. Buch Moses Kap. 41 dem
Pharao seinen Traum von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren.
Der Traum der Menschheit in die Zukunft
blicken zu wollen ist lange nicht ausgeträumt. Seit den 80er Jahren
machen sich wissenschaftlich ausgerichtete Zukunftsforscher ans Werk.
Eine Menge einschlägiger Institute wurde gegründet. Die
Forschungsprojekte sind unüberschaubar, so gut wie keine Disziplin wird
von ihnen verschont. Immer wieder beteuern sie, wie wissenschaftlich
doch ihre Methoden seien.
Es gibt brennende Themen, die die
Menschen in der Zukunft beschäftigen müssen. Wie lange reichen unsere
Energiequellen? Welche Länder stehen vor einer Wasserknappheit. Wie
schnell erwärmt sich die Erde? Was passiert mit dem Ozonloch?
Computermodelle statt Kristallkugel und
Großrechner statt Tarotkarten. Können sie die Zukunft realistischer
aufschlüsseln? Der Mensch, der in der Vergangenheit mit seiner Natur in
Einklang lebte, konnte aus dem Verhalten der Tiere und aus
Wetterbeobachtungen seine Schlüsse ziehen und sich gegen so manche
Unbill der Zukunft wappnen. Wir modernen Menschen haben diese Fähigkeit
weitestgehend verlernt aus der Natur heraus zu erfahren und zu lernen.
Wir brauchen Computerprogramme und
Hightech um die Zusammenhänge zwischen Gegenwart und Zukunft zu
erkennen. Und wenn wir sie erkennen heißt das lange nicht, dass wir
einsichtig werden und unseren Umgang mit dieser Welt in der wir leben zu
ändern.