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- Das Internet - Feuilleton von Fabrizius
September - Dezember 2008Herzlich willkommen im Blauen Salon
Heimelige Stunden
Nebel kriecht um die Häuser. Das Laub klebt auf den Gehwegen, liegt nass auf abgestellten Autos und modert vor sich hin. Die knallbunten Herbstfarben sind verschwunden. Kein Himmel ist zu sehen, nur Grau und wenige schmutzigbunte Blätter an den Ästen, die sich wie dürre Finger in den diesigen Tag recken. Schon früh brennt Licht in den Fenstern der Vorstadtsiedlung. Leergefegt ohne Menschen, sind die Strassen. Der Geruch von Heizöl steigt in die Nase. Das fahle Licht des Tages schleppt sich seit den späten Morgenstunden hin zur Dämmerung. Nirgends ein Abendrot, dass den Beginn der Nacht verschönt. So grau wie der Tag kam, geht er über in die Dunkelheit. Aus vielen Fenstern flimmert es heraus in die einbrechende Nacht. Die Allmacht der grauen Scheibe hat von den Menschen Besitz ergriffen. Wortlos folgen sie den Ungeheuerlichkeiten dieser Welt und nur Wenige empfinden dabei Mitleid oder Freude. Während draußen die Temperatur gefährlich nahe um den Gefrierpunkt schleicht und die Feuchtigkeit sich in jedes spaltweit offene Fenster zwängt, sitzen ein paar Freunde am Tisch und spielen. Es wird gelacht, gestikuliert, gescherzt und geredet. Nebenan im Zimmer ist eine Frau in ein Buch vertieft. Die langen Abende laden ein zum Lesen, zum Spielen und zum miteinander Diskutieren. Drei Häuser weiter, im halbdunklen Raum, sind die Gesichter nur schemenhaft auszumachen. Dort ist die Elektronik Mittelpunkt, die Kommunikation ist erloschen. Nicht miteinander wird gelacht, sondern über etwas, welches aus dem farbigen Rechteck heraus konsumiert wird. Es ist ein steriles Lachen, ohne Herzlichkeit und Freude. Die Straßenlaternen breiten ihre Lichtkegel, verfremdet durch feinste Nebeltröpfchen, auf den Asphalt. Es ist still in den Straßen, gelegentlich fährt ein Auto, dessen Scheinwerferkegel für Sekunden die Jägerzäune übergroß auf Häuserwände projiziert. Es brennen keine Kerzen hinter den Fensterscheiben. Die Nikoläuse sind noch nicht an den Dachrinnen und Balkonbalustraden montiert. Bald wird der vorweihnachtliche Außenschmuck in Konkurrenz treten zur Straßenlaterne. Von den laublosen Bäumen der Vorgärten werden Lichterketten in die Nacht blinken und Lichtorgeln ihre Buntheit in die Dunkelheit werfen. Dann, liebe Leserinnen und Leser beginnt die 'staade Zeit'.
© by Fabrizius
Die Stimme
(aus meiner letzten Autorenlesung)
Das erste Adjektiv, das mir dazu einfällt ist "unangenehm", obwohl die Person, der diese Stimme gehört sehr nett ist. Vom Duktus her klingt sie kindisch oder so, als wolle ein in Umgang mit Kindern Ungeübter einem Dreikäsehoch etwas erklären.
Ja, das Beschreiben dieser Stimme ist eine Herausforderung. Sie klingt übertrieben ohne dass ich der Person das unterstellen kann. Sie ist sehr deutlich, gelegentlich sogar überakzentuiert.
Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich annehme, die Stimme sei aufgesetzt und unecht, so könne man nie im realen Leben sprechen und doch redet diese Person im Alltag so. Wenn ich der Stimme länger zuhöre, dann geht sie fast ins Penetrante über, dann atme ich jedes Mal auf, wenn die Person für eine Weile den Mund hält.
Passiert ihnen das auch gelegentlich, dass sie Menschen kennen lernen, die sie mögen, aber die mit ihrer Stimme auf sie unsympathisch wirken?
Ich beschäftige mich mit diesem Phänomen seit Jahren. Es kommt gar nicht darauf an was die Person sagt. Auch wenn die gewählten Worte geistreich und dezent gesetzt sind, der Klang der Stimme macht sie zunichte.
Eine absonderliche Situation. Nicht das Aussehen, nicht die persönliche Ausstrahlung sind entscheidend, nein, nur die Stimme. Gesprochene Worte sind eingehüllt in den Klang. Dieses Phänomen ist nicht zu unterschätzen. Worte allein haben Kraft, aber Worte mit dem richtigen Timbre gesprochen sind um Vieles kraftvoller. Einer einschmeichelnden Stimme verzeihen wir eher einen gedanklichen oder sprachlichen Schnitzer als einer penetrant klingenden Stimme.
Ja, es gibt Texte, die erweckt erst eine Stimme zum Leben. Unschlagbar sind kraftvolle Worte vorgetragen von einer angenehmen Stimme.
Ich gehe noch einen Schritt weiter. Selbst gesprochener Unsinn kann durch eine sympathische Stimme glaubwürdig vermittelt werden. Sie bemerken es wahrscheinlich, wir sind bei der Werbesprache angekommen. Nicht Inhalte zählen sondern vorgetäuschte Tatsachen, die einer genauen Prüfung nie standhalten.
Was ist anders bei einem Roman?
Der Autor will was erzählen. Er will sie mit einem Text in eine Welt locken, die sie interessant finden. Sie lesen ein Buch, lassen sich hineinziehen in die Story und lassen ihrer Fantasie freien lauf.
Nun kommt eine Stimme hinzu. Das ist etwas Anderes. Plötzlich sind die Textpassagen durch den Klang, durch den Ductus, das Timbre vorgegeben.
Genau deshalb kann eine Autorenlesung nie die eigene Lektüre eines Buches ersetzen. Sie kann neugierig machen, wenn der Autor über das erzählt, was in seinem Roman verborgen bleibt, nämlich die Recherche und die sprachliche Arbeit.