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Texte aus Kneipen und Spelunken

Die Porzellanfigur

 

wird gerade überarbeitet

    Leseprobe

Die Porzellanfigur

 "Wer bist Du eigentlich?" Vorsichtig öffnete er das linke Auge. Neben ihm ein wohlig warmer Körper. Die Stimme war ganz nah an seinem Ohr. Er spürte ihren Atem. Jetzt drehte er seinen Kopf nach links. Lange schwarze Haare lagen auf seiner Schulter. Wer ist das? Jens hatte keine Ahnung.

"Du musst Dir jetzt nicht  den Kopf zerbrechen. Das hat Zeit." Bevor er sich entschließen konnte aus dem Bett zu springen hörte er wieder ihre Stimme "Bleib!" Ihre Hand berührte sein stoppeliges Gesicht. Jens drehte sich zu ihr und schaute in ein bildhübsches Puppengesicht. Dunkle Kulleraugen, der zu einem feinen Grinsen spöttisch verzogene Mund. Vorsichtig wanderte er mit seinem Auge den Hals hinunter, weißes T-Shirt, aha, also nackt war sie mal nicht. Aber es war sein T-Shirt mit dem Aufdruck 'Hard Rock Café'. Das 'H' am Anfang und das 'ck' am Ende wölbten sich wohlproportioniert über ihren Körper. Unvermittelt nahm er sein zweites Auge zu Hilfe, so prächtig war das anzuschauen. Alter Junge, was ist Dir denn da für ein blitzsauberes Vögelchen ins Nest geflattert.

"Ich weiß was Du jetzt denkst", unterbrach sie ihn in seinen Gedanken. "Wie um alles in der Welt kommt dieses Mädchen zu mir ins Bett? Habe ich Recht?" Jens war bisher noch gar nicht auf den  Gedanken gekommen ihr zu antworten, so sehr beschäftigten ihn seine Augen. Sie aber plapperte munter weiter "Es ist nichts Schlimmes passiert." Dabei lachten ihm aus einem ernster werdenden Gesicht Kulleraugen entgegen. "Du hast auch nicht so viel getrunken, gestern Abend."

 Jetzt hatte er den Faden wieder. Gestern Abend, da saß er in einer Vorstadtkneipe mit einem Jongleur beisammen. Den hatte Jens vorher noch nie gesehen. Der Fremde hatte eine Segeltuchtasche dabei in der allerlei Gerätschaften  durcheinander lagen. Glitzernde Holzreifen, gelbe und blaue Keulen, verschiedenartige Bälle und in Zeitungspapier eingewickelt eine Porzellanfigur gerade mal so hoch wie ein Bierglas.

Als Jens allzu neugierig in die Tasche stierte erzählte ihm der Fremde, dass er auf der Durchreise sei und dass er morgen in Nürnberg auf dem Hauptmarkt neben dem schönen Brunnen seine Jongleurkünste zeigen wolle. Von der Porzellanfigur war zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede. Die althergebrachte Vorstellung über fahrendes Volk musste Jens gründlich revidieren. Der Gaukler erzählte er würde sich gleich auf dem Marktamt anmelden und bekäme dann seine Schaustellerkarte. Damit könne er einen Monat lang seine Kunststücke in Nürnberg zeigen. Ein recht ordentliches Geschäft sei das, es käme seiner Lebensauffassung sehr nahe. Bis Mitternacht saßen die beiden zusammen, schwiegen und plauderten. Der Fremde trank einen italienischen Rotwein und Jens hatte das dritte Pils.

Immerhin, Schlimmes, was immer das auch gewesen sein sollte, war nicht passiert und einen Rausch hatte er auch nicht. Trotzdem, Jens schloss in der Nacht seine Wohnungstür von innen zu. Er war alleine als er nach hause kam.

"Bist Du Dir da ganz sicher?" Sie erriet seine Gedanken. "Richtig, solange Du mir in die Augen schaust, kann ich in Deinen Gedanken lesen." Sofort kniff Jens beide Augen ganz fest zu. "Du bist feige." Das feste Zukneifen ist ganz schön anstrengend. Jens hörte ihren Atem, spürte den Flaum ihrer Haare auf seiner Schulter. Verdammt, was ist da passiert? Ganz ruhig lag sie neben ihm. Ein wenig drehte sie ihren Kopf in seinem Arm. Vorsichtig bewegte er seinen Fuß zu ihr. "Ist Dir das nicht zu anstrengend, andauernd die Augen zuzukneifen?" Jens nickte und sah in ihre Augen. Im abgedunkelten Schlafzimmer waren ihre Pupillen groß. Er suchte einen Makel in ihrem Gesicht. Ihr Mund formte sich, als ob sie eine Kerze ausblasen wollte. Keine Make up Reste im Gesicht, nichts, wie aus dem Ei gepellt. Dabei zeichneten sich ihre Lippen in einem intensiven Rot. Sie kam ganz nah, berührte seinen Mund nur flüchtig mit ihren angespitzten Lippen. "Ich benutze kein Make up." Sie schlug die Wimpern nieder und lächelte in sich hinein. "Warum fragst Du mich nicht?" Verwundert schaute Jens sie an. "Ja, Du hast ja Recht, ich kann es aus Deinen Augen lesen."

So langsam fühlte er sich nicht mehr wohl im Bett. Da lag ein himmlisches Wesen neben ihm und er zermarterte sich das Hirn ohne zu einem plausiblen Ergebnis zu kommen. "Ich hab’ es Dir vorhin schon gesagt, es ist nichts Schlimmes passiert." Die liest wirklich in seinen Gedanken. Erste Schweißperlen standen auf seiner Stirn. "Erinnere Dich an heute Nacht."

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