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Inhalt:
Blonde Locken
Alter Freund
Keine Zeit für Gefühle
 

 

 

Blonde Locken

Die Spätherbstsonne schaut herein durch das spaltweit offene Fenster. Mit einem gewaltigen Rums fliegt die Türe auf. Blonde Locken wirbeln um den Küchentisch, greifen nach der angebissenen Semmel und mir nichts dir nichts ist der Lockenspuk vorbei.

Peng...! - die ist wieder zu!

Nur noch das aufgeregte Zittern meines Minzetees in der bauchigen Tasse erinnert an das Sekundenbeben.

Das hat mir gefehlt, mein Gott, jetzt macht es wieder Rums und Schepper und Peng! Meine Tage sind Erfüllung, voller Leben, - Glück!

Leise, kein Crash, fast nicht hörbar der kurze erdhafte Ton. Zwischen Holzzaun und Kleinbus grüne Plastikstiefel, die Spätherbstsonne glitzert über den am Boden liegenden Schulpack hinweg, spiegelt vorbei an einem roten Anorak, der ein paar wenige Strähnen Blond sichtbar werden lässt.

Blonde Locken, in einer sekundenschnellen Ewigkeit verloren?

Besessen vor Angst schreie ich in das grelle Neonlicht. Ein Klumpen blutendes Fleisch besetzt meine Seele. Was ist eine Ewigkeit gegen rasenden Schmerz.

Brodelndes brennendes Blut gefriert zu bizarrem Rubin, weise Wesen zucken mit den Schultern, reden vom Alles-getan-haben und beschwören Unverbindlichkeit, die sich über die metallene Schiebetür hinein in die Intensivstation verliert.

Ein Plastiksack in der linken Hand, endlos alleine fühle ich verzweifelt durch kalte Plastikhaut nach dem zweiten Gummistiefel, den ich nicht tasten kann.

Heuchler und Mörder sind Worte, die im Nebelschleiergrau meiner Gedanken lesbar werden. Geschüttelt von der Wucht der Trauer, betört und betäubt vom nicht Weinen können, - so vergeht Endlichkeit.

Unendlich warme kalte Kinderhände in meinem Gesicht bringen mich in die Wirklichkeit zurück. Feuchtes Herbstlaub auf meinem Schoß. Da kuschelt sich der Blondschopf an meine Brust, ich spüre den schnellen Atem und das leise Pochen.

Zart fahre ich über diese Locken, spüre die feine Narbe hinter dem Ohr und verströme meine unendliche Liebe an dieses Kind.

 

Alter Freund

"Wann ist es denn endlich vorbei?"

Große hohle Augen fixieren mich durch einen Schleier voller Schmerzen.

Die ersten Tropfen der schmerzstillenden Infusion kriechen in den ausgemergelten Körper.

Vor der Tür, zusammengekauert auf einem Plastikhocker, das einzige was in seinem Leben geblieben ist, die Tochter, die ihn die letzten Jahre umsorgt hat.

So gefasst war sie gewesen, so verzweifelt ist sie jetzt. Salzige Tränen suchen sich den Weg um die schlanken Backenknochen.

Sie hat nicht mehr die Kraft neben ihrem Vater zu sitzen.

Der Pfarrer ist verständigt, die Nachtschwester schaut immer wieder durch den schmalen Türspalt, nur den Kopf streckt sie herein. Der nahe Tod soll nicht hinaus.

Das Morphium beginnt seine barmherzige Wirkung.

Die zusätzliche Injektion habe ich vorbereitet.

"Sie sollen schlafen, ich geb' ihnen was!"

Die heiße Hand sucht meinen Kittel, zieht mich näher.

"Lass mich noch einmal aufwachen, Alter Freund, einmal nur noch!"

Sein letzter Wunsch ging nicht mehr in Erfüllung.

"Er ist heimgegangen" sagt der mittlerweile eingetroffene Pfarrer zur Tochter.

Die vielen Gespräche mit der Tochter, das Hoffen und das Wissen um den nahen Tod, - vorbei.

Es ist alles gesagt.

Die Allerweltsformel 'Mein Beileid' verkneife ich mir. Ein stummer von ihr zaghaft erwiderter Händedruck.

'Alter Freund' - hat er zu mir gesagt, - ich habe nur seinen Namen gekannt und seine Diagnose. Verlegen gehe ich an der Schwester vorbei.

 

Keine Zeit für Gefühle
 
Was wollen die hier? Der Alte blinzelte aus seinem Verschlag heraus.
Ein Lastwagen quälte sich den Hohlweg herauf, fuhr hinüber zum aufgelassenen Stollen und stoppte. Ein Junge in Uniform sprang aus dem Fahrzeug.
„Absitzen!“
Aus dem Führerhaus des LKW kletterten drei Soldaten. Zwei von ihnen rannten hinter das Fahrzeug und gingen mit ihren Gewehren in Anschlag. Der dritte schlug die Plane zurück und öffnete die Bordwand.
Ein Dutzend zerlumpter Menschen kroch herunter. Mit seinem Gewehrkolben trieb der Soldat vier Männer von den Übrigen weg. Die Männer mussten die Arme hinter dem Kopf verschränken und sich mit dem Gesicht nach unten flach auf den Boden legen.
Die Frauen in der Gruppe stellten sich stumm in einer Reihe auf. In einem Tuch um die Schulter trug eine Frau ihr Kind.
Der Alte kam aus seiner Behausung.
„He Du!“
Mit seiner Pistole im Anschlag ging der Junge auf den Alten zu. Unter der Schirmmütze funkelten fanatische Augen aus einem Milchgesicht.
Das sind die Schlimmsten, brummelte der Alte in seinen Stoppelbart.
„Ist sonst noch jemand hier?“
Der Alte zuckte mit der Schulter. Noch bevor er was sagen konnte spürte er den Lauf der Pistole an seiner Schläfe.
„Vorwärts!“
Das Milchgesicht schob ihn vor sich her. Er musste sich neben die Männer legen.
 
Das Kind fing zu weinen an.
Der Junge befahl einen Soldaten hinüber zur Hütte. Mit dem Stiefel trat dieser die morsche Tür ein. Wenig später fiel ein Schuss.
Das Kind weinte.
In der Hütte blieb es ruhig.
„Verdammt, der Balg soll aufhören!“
Die Mutter nahm das Kind eng an ihre Brust, zu dem Geschrei gesellte sich der Sing – Sang der Frau. Das Kind beruhigte sich.
 
Immer wieder zuckten die Blicke hinüber zur Hütte. Die beiden Soldaten wurden unruhig. Ihr Kamerad kam nicht zurück.
 
„Komm raus!“
Aber, es blieb still.
„Was machst du da drin?“
Der Junge rief es hastig hinüber zur Hütte.
‚Fast noch eine Kinderstimme’, dachte der Alte am Boden.
Jetzt drehte er seinen Kopf zur Seite, sofort spürte er den Gewehrkolben zwischen den Schulterblättern. Er sah den Jungen mit der Pistole zu der Frau gehen.
 
„Hör auf zu singen!“
 
Aus den Augen der Frau sprach Verachtung.
Drüben in der Hütte blieb es still.
 
„Bringt die Männer in den Stollen!“
Die beiden Soldaten gingen wieder in Stellung.
„was machen wir mit dem Alten?“ wollte einer der Soldaten wissen.
„Der geht mit in den Stollen!“
 
Zwei Schüsse krachten in die Stille.
Die beiden Soldaten stürzten.
Der Junge riss seine Pistole hoch, in dem Moment traf ihn die dritte Kugel.
Im Fallen löste sich ein Schuss.
 
Regungslos stand die Frau da.
Ihre Augen waren leer.
Der Fleck in ihrem Schultertuch wurde größer.
Kein Weinen mehr.
Der Alte nahm das leblose Kind aus dem Tuch und
trug es hinüber zu den anderen Leichen.
 
Sie mussten in die Berge bevor die Soldaten kamen.

 

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