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Texte und mehr

Inhalt:

Die kleine Schwester

Warten

Eine Lehrstunde über das Todsein
Was ist Sterben?
Was ist Leben?
Jessica
   
     

Die kleine Schwester

„Maaami, Maaami ... ich habe Vanessa gesehen, drüben hinter der Schaukel, ganz alleine spielt sie mit unserem Fips!“
Aufgeregt steht Kevin in der Terrassentür.
„Komm schnell! Da drüben ... bevor sie wieder weggeht!“
Die Tränen kullern über sein Gesicht.
„Sie ist es, sie ist es wirklich – komm!“
Auch dieses mal geht Kevins Mutter mit ihm zum Spielplatz. Sie gehen am Sandkasten vorbei, hinüber zur Schaukel, setzen sich auf die Bank.
Kevin vergräbt sein Gesicht im Schoß seiner Mutter. Er weint.
Als seine Schwester noch lebte, wollte er immer so groß und stark sein. Er wollte sie beschützen.
„Komm Kevin, wir gehen nach hause!“
Fips begrüßt beide am Gartentor, springt an Kevin hoch und bellt.
„Ich gehe noch in den Garten und hole ein paar Tomaten!“
Kevin nimmt Fips am Halsband und zieht ihn ins Haus.
Als Kevins Mutter zurück ins Haus kommt, liegt Fips tot in seinem Hundekorb.
Kevin strahlt. „Jetzt ist Vanessa nicht mehr alleine!“
Seitdem hat er seine Schwester nie mehr erwähnt.

 

   
Warten
 
„Sasha“ , seine kleine Schwester sagt es ganz leise. Zusammen mit ihren Eltern steht sie vor dem grünen Eisentor. Nur sie darf ihren großen Bruder Sasha nennen. Für alle anderen ist er Alexander.
 
Lange zehn Monate musste sie auf ihn warten. Jetzt endlich war es vorbei. Alexander kam zusammen mit einem Zellengenossen, der auch heute entlassen wurde, heraus.
Seine Mutter fiel ihm in die Arme, strich über sein Gesicht, berührte seine ersten Bartstoppel. Alexanders Augen waren pure Freude. Endlich ließ ihn die Mutter los.
Sein Vater ging auf ihn zu, breitete die Arme und umklammerte seinen Sohn. So standen sie vor dem Eisentor.
Alexander bückte sich hinunter zu seiner Natascha.
„Sasha!“
Er hob sie auf den Arm und vergrub sein Gesicht in ihren kleinen Händen. Zehn lange Monate hatte er sich danach gesehnt.
„Sasha!“
Für sie hatte er damals die Jacke und den Schal gestohlen. Er hatte nicht zusehen können wie die anderen Mädchen mit Anoraks und Pelzjacken in die Schule gingen und seine Schwester fror in ihrer Strickweste.
Vom Bezirksrichter bekam er zehn Monate Gefängnis. In einem anderen Land hätte er als Sechzehnjähriger für diese Straftat nicht ins Gefängnis gemusst. In Russland sind die Gesetze streng.
 
Wenige Schritte daneben steht sein Zellengenosse.
Er hat keine Freude in den Augen. Ein verschämter Blick wandert zu Alexander.
Er sieht wie Nataschas Hände wild durch die Haare ihres Bruders fahren.
„Sasha!“
Er sieht wie ihre funkelnden Kinderaugen Alexander verschlingen.
Auf ihn wartet niemand.

 

   

 

Eine Lehrstunde über das Totsein

Wie das in unserer modernen Welt so üblich ist, hat man mit dem Leben schon seine liebe Not, so kennt man sich beim Sterben gleich gar nicht aus.

Als blutjunger Assistenzarzt wurde ich zusammen mit zwei Rettungssanitätern aus dem Klinikalltag hinauskatapultiert. Auf einer schmalen, kurvenreichen Landstraße fuhren wir hinauf in den Wald. Für die Einheimischen ist es "d' Woid", das Waldgebirge östlich der Donau.

Durch das enge Tor ging es hinein in den Hof, vorbei am Hundezwinger. Abgeschaltet wurden Blaulicht und Martinshorn erst vor dem Wohnhaus. Das Hundegebell dauerte an. Auf einen Pfiff hin beruhigte sich der Köter. "So viel Krach ist er nicht gewohnt", meinte ein stämmiger Mann an der Haustüre. "D' Oma, hinten in der Kammer". Mit dem Arm deutete er ins Haus hinein. Die Sanitäter und ich rannten ins Haus, durch die Wohnstube über eine Holzschwelle hinein in die halbdunkle Kammer. Die Bettdecke zurück, leblos lag die alte Frau in den Kissen. Venöser Zugang, Schläuche, EKG, Intubation, Beatmung, Herzmassage, alles lief professionell ab. Der Beatmungsbeutel wechselte sich im Takt ab mit der Herzmassage. Ein Metronom konnte nicht genauer sein.

Wir waren mit der Toten alleine im Zimmer. Trotz all dem Reanimationszauber, da tat sich nichts. Elektroschock, - nichts - weiter, sie war tot. Starre Pupillen, eine zierliche Frau, eingefallene Gesichtszüge mit tiefen Furchen. Die Herzmassage stockte, weitermachen? - Der Beatmungsbeutel verharrte.
Da ging die Tür auf, der stämmige Mann von der Haustüre, offenbar der Sohn der Toten, stellte drei Flaschen Bier rein: "Wenn's dann soweit seid!"
Wir schauten uns an, - was is' jetzt?

Auf Antwort mussten wir nicht lange warten. Ein älterer Herr kam herein, Jeans, dunkler Rolli, die typische Doktortasche am Arm. "Grüß Gott, - Kollegen - Dr. Bichler", so stellte er sich vor. Ah, - wohl der Hausarzt der Alten. Überrascht streckte ich ihm die Hand entgegen.

"Hört auf, - d'Bäuerin is' e scho dod," sagte er halblaut hinüber zu den Sanitätern. Er nahm meine Hand, schüttelte sie kräftig und zog mich raus in die Bauernstube, rüber zum Tisch und drückte mich in einen Stuhl. Drei Stamperl wurden eingeschenkt, - hinunter damit, - fruchtiger Marillenbrand, das Zeug wärmte alles zwischen Mund und Magen.
"Um diese Zeit mache ich immer meine Runde - Hausbesuche",
schob er erklärend nach."
"Hab' bei dir angerufen, wegen der Oma", mischte sich jetzt der Sohn ein. "Einen schönen Zirkus habt ihr veranstaltet", sagte er, und schaute mich spöttisch an.
Der Hausarzt, er kannte die Leute seit Jahrzehnten hier am Hof, begann:
"Seit einem Monat habe ich eine neue Arzthelferin, hat erst vor kurzem aus München hierher geheiratet, solide, ordentlich, macht ihre Arbeit anständig, kennt sich aus."
Mit diesen Worten beschrieb Dr. Bichler seine neue Kraft.
"Nun ist dein Anruf gekommen", erzählte Bichler weiter, "das Mädchen wusste nicht was es machen soll, hat gleich die Rettungsleitstelle informiert und die haben den Notarzt geschickt".
Dabei nickte er zu mir rüber.
"Ihr habt ja allerhand drauf", so der Bauer, "wenn's da mal drauf ankommt, Freunde, auf euch kann man sich verlassen."
Er streckte den beiden Sanitätern das Tablett mit zwei neuen Stamperl entgegen. "Marille, was guad`s!"
Nach einem Zögern nahm der Fahrer seinen Schnaps, schaute mich an, merkte, dass auch ich einen gekippt hatte, und - weg war er!
Erst jetzt glaubte Dr. Bichler uns eine genauere Erklärung geben zu müssen.
"D' Bäuerin, wär' demnächst Neunundneunzig geworden, war seit langem krank!"

"Mit dem Sterben haben wir schon seit Tagen gerechnet", mischte sich der Bauer ein, "ich war den ganzen Tag im Holz, meine Frau ist seit heute morgen in der Stadt. Am Nachmittag dann, ich schau' in die Kammer, ist d' Oma tot. Ich wusste jetzt auch nicht was ich so machen muss, mit dem Totenschein und allem, - da habe ich dich halt angerufen!"

Ein vorwurfsvoller Blick traf Dr. Bichler. Der Hausarzt und langjährige Kenner des Hofes schmunzelte, schaute dem Bauern listig ins Gesicht:
"Und wenn nachher d' Oma bei all dem Spektakel noch mal aufgewacht wäre?"
Ein Schubser des Bauern bugsierte Bichler auf die Eckbank hinter dem Tisch.
Mit den Sanitätern zusammen verlies ich die Bauernstube, der Hund kläffte dem Sanka hinterher, die kurvenreiche Strecke hinunter nach Passau dauerte. "Jo im Woid, mein Lieber", - war der einzige Kommentar
des Sanitäters auf der schweigsamen Fahrt.

 

Was ist Sterben?

Mit 9 Jahren bekam er sein Bein amputiert, - Knochenkrebs, - mit 11 1/2 war es soweit. Rede mal mit einem 11 Jährigen Buben über das Sterben, - nein, nicht über "das" Sterben, - über "sein" Sterben! Nicht irgendwann mal, - jetzt!

Ich hatte mir ganz fest vorgenommen dieses Kind "bewusstlos zu Spritzen", - solange bewusstlos zu halten bis es vorbei ist. Mit wachen Augen und klarem Verstand ist er gestorben.

Was ich in diesen letzten Stunden zusammen mit dem Buben erlebt habe... Prägt ein ganzes Leben. "Was ist Sterben?" - hat er mich gefragt, - "Schlafen... und dann nicht mehr Aufwachen", gab er sich selbst die Antwort.

 

Was ist Leben?

Ein Bündel Kleider, mein Gott... Der junge Sanitäter stürzt mit diesem Kleiderbündel auf dem Arm herein.

"Es lebt noch!" - schreit er hysterisch.

Auf dem bäuerlichen Anwesen, - die Kinder spielen draußen.
Die Bordwand eines Schlepperanhängers löst sich, der eiserne Verschluss schlägt mitsamt dem ganzen Aufbau nach unten. Dort spielt die 5 jährige Sonja, die Jüngste unseres Feuerwehrkommandanten.

"Es lebt noch..." - Herr im Himmel...

Das kleine Bündel Mensch liegt vor mir, ...bitte bitte nicht jetzt,
...ich sehe in ein bleiches Gesichtchen, sehe das Blut, die flacher werdende Atmung... Routine... wenn es das in solch einer Situation gibt... Routine... nur die hilft jetzt weiter.

Zusammen mit meinem Sohn Florian geht Sonja in den Kindergarten. Der Eisenbolzen hat die Schädeldecke zertrümmert, - Blut... Die Beatmungsmaschine gibt den Rhythmus vor... 5 Jahre, - ein zierliches Mädchen... Florian wird mich fragen, wenn ich heim komme: "Wie geht es Sonja?" ...was soll ich ihm sagen? ...Blut - "Papi, warum hast Du ihr nicht geholfen?" ...Blut

... Angst... ja, das gibt es... verdammte Angst, - schaffe ich es?
Kann ich die Blutung stoppen?
Zwei Tage später öffnet Sonja die Augen.
Das sind Momente um die ich ein ganzes Leben lang unendlich dankbar bin.

 

Jessica

"Mama?"
Das dünne Stimmchen klingt matt.
leises Weinen.
"Mama?"

Verloren kauert die kleine Jessica am Ende des Flures.

Ihr Vater wird mit schweren Verbrennungen im Schockraum versorgt.

Die Fahrt in den Urlaub. Der Wagen kam ins Schleudern. Knallte gegen einen Brückenpfeiler. Jessica kroch aus dem Heckfenster. Sekunden später starb ihre Mutter in den Flammen.

Was mache ich mit diesem Kind?

 

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