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Texte und mehr |
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Inhalt:
Desirée
Das Abteil
Lyrik
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Desirée
- Blitzlichtgewitter setzt ein, die Tür der Limousine öffnet sich.
- Hundert grelle Lichter, die ihren freizügig bekleideten Körper für die
Ewigkeit bannen. Desirée fühlt sich ausgelaugt.
- Aufgerissene Münder, die Fragen schreien. Stierende Augen, die jede
Bewegung in sich aufnehmen.
- Ihr Dekolleté ist plötzlich zu tief ausgeschnitten und der
so elegante Schlitz am Abendkleid wirkt zu gewagt.
- Franz ist bei ihr, nimmt sie am Arm, das gibt ein bisschen Halt.
- Er fühlt sich im Rampenlicht wohl, genießt seinen Auftritt.
- Das wird sein Abend, - es ist seine Vernissage!
- Nur Desirée soll neben ihm sein!
- "Möchtest du nicht lieber, dass...?"
- "Ach was, komm!" er drängt weiter!
- Sie wird der Gesprächstoff für die nächsten Tage sein, - das gewagte
Kleid.
- Sie hat Angst davor.
-
- Willenlos und benommen geht Desirée mit Franz hinein in die weite
Ausstellungshalle!
- Er genießt den tosenden Applaus! Nur wegen ihm sind die alle gekommen.
- Erste Blicke folgen Desirée, sie schämt sich.
- "Ich will weg hier!"
- Franz verzieht den Mund zu einem herablassenden Grinsen: "Sollen sie uns
anstarren Desirée, - lass sie, - es ist unser Abend!"
-
- Ein weißhaariger Mann kommt auf sie zu.
- Wie Franz, so ist auch dieser Weishaarige ein berühmter Maler, sie kennt
ihn nur aus Fotos und aus dem Fernsehen.
- Desirée wird ganz mulmig vor lauter Ehrfurcht
- Seit vielen Jahren ist er sein Vorbild. Der Alte reicht Franz die Hand.
- Wenige Augenblicke später liegen sie sich in den Armen.
- "Du hast es geschafft! Franz - ich bin so stolz auf Dich!"
- Desirée bemerkt den forschenden Blick des Alten.
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- "Wer ist die wunderschöne Elfe an Deiner Seite - Franz?"
- "Das - ist Desirée, meine Muse!"
- "Ah... ja, deine Muse", der alte Maler hält inne als ob er sich besinnen
müsse.
- "D e i n e Muse... s i e ? Deine Frau Marie Claire ist d e i n e Muse!"
- Desirée wünscht sich weit weg, sie fühlt sich so benutzt in ihrem
aufreizenden Kleid.
Franz lacht!
Der Alte nimmt Desirée väterlich in seinen Arm, "Hübsches Kind, eine Muse
muss einen Künstler inspirieren, nicht auslaugen. Alle Bilder hier hat Franz
gemalt. Schaue die Portraits an, - Du schaust in das Gesicht seiner Marie
Claire. Du magst jetzt für Schlagzeilen sorgen, für seine Kunst braucht er Marie
Claire."
- Desirée spürt die knorrige Hand des Alten auf ihrer Schulter. Sie fühlt
wie der alte Maler ihr Kraft gibt.
- "Mädchen, in meinem langen Leben gab es viele Frauen, ich kann mir ein
Urteil erlauben!"
- Welche Dynamik von diesem verwelkten Mann ausgeht. Er winkt Franz einfach
zur Seite.
- Das Gesicht von Franz ist eine Maske, sein zynisches Grinsen erstarrt.
- Obwohl der Alte sich auf ihre Schulter stützt fühlt sich Desirée leichter.
Er geht mit ihr hinaus, vorbei an dem Blitzlichtgewitter, vorbei an den
Gaffern.
- Desirée fröstelt, keine Spur von Unsicherheit mehr. Sie weiß was sie zu
tun hat.
Ausgelassen sitzt sie neben dem Alten, das kleine Bistro vis-a-vis der
Kunsthalle ist brechend voll. Die Journalisten balgen sich um die besten Plätze.
Der Alte sitzt mit seinem neuen Modell an einem kleinen Ecktisch, erzählt von
seiner Malerei, seiner Kunst und von der Poesie der Jugend.
- Die Titelfotos für die Zeitungen werden geschossen.
- Die Kunsthalle nebenan ist leer. Wer noch "IN" sein will, der muss jetzt
hier im Bistro sein!
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Das Abteil
- Süßlicher Geruch aus Kunststoffpolstern, Öl- und Kleidermief fließt mir
entgegen.
- Koffer und Plastiktüte bugsiere ich durch eine halboffene Schiebetüre ins
Nichtraucherabteil.
- 'Nicht sonderlich angenehm', sagt meine Nase.
- Geschafft!
- Einsteigen bitte...!
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- Den Koffer verstaue ich in der Ablage über dem Fenstersitz.
- Mit einem Ruck fährt der Zug an.
- Nostalgie pur, wenn ich an Heizungshebeln hantiere, am Rad der
Fußbodenheizung drehe.
- 'Nicht aus dem Fenster lehnen' steht in drei Sprachen auf einem Schild.
Ich lese es immer wieder.
- 'Nicht öffnen bevor der Zug hält'.
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- Eine Geräuschorgie entlädt sich, der Zug kommt ins Rollen. Es knarrt,
quietscht, rattert, der vibrierende Körper bewegt sich in der Geräuschkulisse.
Schneller, weiter, immer schneller.
- Die innere Uhr gewöhnt sich an den Rhythmus. Der Körper übernimmt die
Monotonie und ergibt sich der Gleichmäßigkeit.
- Gärten, Gestrüpp, Wald fliegt vorbei, Fabrikanlagen, Häuser, Hinterhöfe
zeigen sich aus ungewohnter Perspektive.
- Eine Geräuschexplosion offenbart sich meinen Ohren, Monotones wird
durchbrochen, das Ratternde, Holpernde wird gebremst. Sanftes Gleiten beginnt
zu stottern.
- Der Körper findet seine Schwerkraft wieder, der Zug steht.
- Nichts gleitet vorbei. Laufende, winkende, lachende, traurige Menschen
sehe ich.
- Befreiend das Anziehen gleich nach dem Pfiff der Trillerpfeife. Der Takt,
die Monotonie findet zum Rhythmus. Beruhigend wirken die aus dem Waggon
hervorquellenden Geräusche. Der Körper spürt die Harmonie des Rollens. Das Auf
und Ab der Drähte zwischen vorbeihuschenden Telefonmasten dirigieren das
Rattern der Räder. Das Klappern einer Schiebetür stört die Monotonie.
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- N o t b r e m s e
- Ein rotes, gefährlich ausschauendes Schild unter dem mit Draht und Plombe
gesicherten Hebel.
- ‚Geht er leicht?', frage ich mich, ‚funktioniert der überhaupt?'
- ‚Was passiert wenn ich daran ziehe?'
- Alle Schilder erzählen mir was ich tun soll, was ich nicht tun darf, wo
ich hingehen muss wenn ich muss!
- Dieses ‚Notbremse-Schild' zieht mich an!
- Ich trau mich nicht!
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- Wieder eingelullt vom rhythmischen Knarren, Knattern und Rattern.
- Jäh schrecke ich aus der Monotonie.
- "Die Fahrkarte bitte!"
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Lyrik
Es gibt sie noch, oh ja! Ihr Dasein fristet sie in einer abgelegenen aber
dafür um so stilleren Ecke des Buchladens. Selten verläuft sich ein Besucher in
jene Ecke! Der Griff zum Regal ist noch seltener. Wenn es sich in der anderen
Ladenecke fast zu Tode „pottert", hier ist Ruhe und Weltabgeschiedenheit.
Elfenhaft präparierte Seiten warten auf die öffnende Hand, maßvoll gesetzte
Verse bringen sich dem tastenden Auge dar. Für ein holperndes Sachbuch oder eine
effektheischende Belletristik ist hier kein Platz.
- Nur Lyrik... Lyrik in ihrer reinsten Form genügt sich selber. Bestseller
-, dieses Wort aus Kommerz und prosaischem Wortschwall hat hier in der
Lyrikecke des Buchladens seine Kraft verloren.
- „Verwobener Traum des quellenden Nebels, schleierhaftes Schweben wiegend
in den Armen..."
- So ein Schmonzes geht nur lyrisch, das sind Satzkonstruktionen, die jeder
Wirklichkeit entbehren... Lyrik halt... pah!
Oh weh... oh weh mir... keine durchdrungenen lyrischen Küsse auf den sinnlich
dargebotenen Mund... rohe Welt der Prosa... Feingliedriges zertrampelst du mit
geistigen Stiefeln! Verhülle dich mit deinem Alabasterleib, verstecke deine
Verse ... keine schnöde Neuauflage soll deiner Jugend Taten stören.
Es soll sogar Leute geben, die angeblich lyrische Texte verstehen.... ja ...
richtig verstehen!
- Mein alter Buchhändler sitzt manchmal verträumt in seiner Lyrikecke. Er
gönnt sich dort seine Ruhe im hektischen Büchergeschäft. Noch vor einem Jahr
hat er daneben Esoterisches hinsortiert. Aus war's mit der Ruhe! Jetzt hat er
wieder umgeräumt.
- Er erzählte mir mal: „Der Lebensbaum der Lyrik ist die Zitterpappel, als
Topfpflanze eignet sich die Mimose in all ihren Variationen und der Verleger
muss Idealist sein!"
- Dann nahm er ein Lyrikbändchen aus dem Regal, es war recht abgegriffen.
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- „Hast Du auch Antiquarisches?"
- Meine Frage bezog sich auf den sichtbar zerknitterten Einband.
- „Nein, habe ich nicht!"
- Er lächelte und legte es vor sich auf den Lesetisch.
- „Dieses Büchlein hat mein Vater gleich nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen
mit einem ganzen Sortiment eingekauft. Es war die erste größere Bestellung von
uns, - damals. Lyrik... gleich nach dem Krieg... das haben die Leute gelesen.
Dieses Bändchen ist als einziges übriggeblieben; seit 40 Jahren steht es nun
hier rum!"
- Liebevoll streicht er die Seiten glatt.
- „Ich bin der einzige, der hin und wieder mal reinschaut!"
Sag` ich doch... Lyrik in ihrer reinsten Form versteht heute kein Mensch
mehr!
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