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Bücher
- Die Horde einer Schulklasse strömt herein. Ich soll heute diesen jungen
Leuten was über Bücher erzählen.
- ‚Interessieren die sich für so was?'
- Zunächst gebe ich im kleinen Lesesaal eine Einführung über alles was mit
Buch, Schreiben, Verlage und... zu tun hat. Bis jetzt sehe ich in
interessierte Gesichter: `Na ja, die sind froh mal raus aus ihrem
Klassenzimmer zu kommen!'
Nach dieser Einstimmung gehen wir durch die Regale. Ich erzähle etwas über
das Ordnungssystem, die Archivierung und nehme hin und wieder zur besseren
Darstellung ein Buch aus dem Regal. "Ihr dürft schon auch hinlangen, wer Bücher
verstehen will muss sie in der Hand halten!" Wir gehen weiter.
"Was ließt man denn so in eurem Alter?"
- Die zieren sich noch was, `Lesen die überhaupt?', denke ich für mich. Die
Hübsche mit der grünen Jacke über`m Arm greift hinein in das Regal. Sie ist
die Erste, die sich traut. Hat gleich einen dicken Wälzer rausgenommen.
- Ich gehe mit den Schülern weiter. -Ein Kunstband, - ist es, `sonderbar,
ausgerechnet ein Kunstband'.
- Das scheint doch zu interessieren, bisher kaum Fragen, nur... ich rede
viel... erzähle und erzähle... merke aber, dass meine Begeisterung von den
jungen Leuten aufgegriffen wird. Der Klassenlehrer, Deutsch und Geschichte
sind seine Fächer, ist auch mit dabei, der will sich jetzt natürlich
profilieren, er übernimmt... Die Klasse wird unruhig, geht aber mit ihrem
Deutschlehrer weiter.
Das Mädchen mit dem Kunstband ist nicht mehr bei der Gruppe. Ich gehe zurück
und finde sie mit dem Buch an einem kleinen Lesetisch. "Na, - gleich so viel
Interesse?" Eine geistreichere Frage ist mir momentan nicht eingefallen. Ich
beuge mich leicht über sie und schaue mit ins Buch hinein. Sie blickt kurz auf,
blättert aber gezielt weiter in den Seiten.
- "Meine Mutter hat mir immer von einem Bild erzählt, das sie als kleines
Mädchen über dem Bett hängen hatte, ein Engel, - ein Schutzengel halt, mit
Goldrahmen!"
- "Meinst Du, du findest ihn hier in diesem Kunstband?"
- "Vielleicht, - das muss ein Nazarener-Engel gewesen sein, hat mir damals
meine Mutter erzählt!"
- Die Nazarener, ein in blaues Leinen gebundener Ausstellungskatalog aus dem
Jahr 1982 hat sie aus dem Regal geangelt. Ich bin überrascht.
- "Mutti erzählt manchmal von ihrer Leidenschaft, der Malerei, - damals, als
kleines Mädchen habe ich oft weinen müssen, weil ich glaubte, Mutti hat ihre
Bilder mehr lieb als mich!"
- "Aber das war doch nicht so!"
- "Nein, natürlich nicht, - aber, als Sie heute über Bücher und Literatur
erzählten, erinnerte mich das an meine Mutter, die kann mit der gleichen
Leidenschaft über ihre Malerei reden!" Ein wenig betroffen und stolz muss ich
an die Decke geschaut haben.
- "So ein Engel muss das gewesen sein".
Dieses hübsche junge Ding, vielleicht 17 oder 18 Jahre, zeigt mir ein Bild
von Overbeck, einem Maler dieser römischen Künstlergruppe aus der Romantik.
"Mutti wird Augen machen, wenn ich heute Mittag heimkomme und diesen Band
mitbringe, - den kann ich doch ausleihen, - oder?"
"Na klar, kannst Du, - ich mach´ Dir einen Ausweis, nehme Dich in die Kartei
auf, dann bist Du ganz offiziell als Benutzerin bei uns registriert!"
- Manuela, - lässt das Buch nicht mehr los. Wir gehen gleich zusammen an den
PC. Ich tippe ihre Adresse ein.
- - Na...? ist die schon bei uns... ?
- Mittlerweile hat die Klasse ihren Rundgang beendet, jetzt strömen sie alle
durch die Flügeltüre hinaus aus dem großen Lesesaal. Mit dem Deutschlehrer
verabrede ich in der nächsten Woche einen Besuch in der Klasse. Ein paar
Schüler haben ihn gebeten, mich zu einer Deutschstunde einzuladen. Ich soll
noch mehr über Bücher erzählen. `Da schau her!' Denke ich für mich - und freue
mich riesig.
"Manuela, kommst Du endlich?" Ungeduldig wartet der Lehrer auf sie. Mit einem
lachenden "Ciao" winkt sie mir zu und macht einen Bogen um ihren Lehrer, der die
Türe aufhält.
- Schösser, Manuela... Schösser, Claudia... findet sich direkt darüber, in
der Leserkartei des Computers. Die alte Karteikarte des Buches ist noch da, in
der Handkartei. Seit der PC hier ist wird diese Kartei gar nicht mehr benutzt.
Es war Neugierde... ich habe das Schubfach gezogen und gesucht.
- - Die Nazarener - Ausleihdatum, vier Tage vor Manuelas Geburtstag, - vor
17 Jahren! Letzte Ausleiherin, Schösser, Claudia... Rückgabe, 4 Wochen später.
- Manuelas Mutter wird sich sehr freuen, das alte Buch wieder in den Händen
zu halten.
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Ein Brief... über meine zwei Leben und die Phantasie
- Ich sage Dir, mit zwei Leben ist es eine Freude zu leben. Ich habe gelernt
rechtzeitig von einem in das andere zu fliehen. Menschen, die nur ein
- Leben haben sind arm, - glaube es mir.
- Genieße Deine zwei Leben mit jeder Faser Deines Körpers und Deiner Sinne,
es ist was sehr schönes!
- Das war jetzt schon ein bisschen Philosophie, - auch was Praktisches, wenn
- die Gedanken ausschweifen. Lass Deinen Gedanken diese Freiheit, wenn Du
- krampfhaft nach ein paar Sätzen für Deine Texte suchst findest Du sie
- nicht.
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- Öffne die Schleusen, gehe über den Horizont hinaus in eine "Anderwelt".
Dort findest Du Deine Phantasie wieder, fange sie nicht, renne ihr hinterher,
über Buchstaben und Kauderwelsch, über Textfragmente bis hin zu dem Wort, dass
Dir partout in Deiner rationalen Welt nicht einfallen will. Gedanken
unterliegen keinen physikalischen und chemischen Gesetzen, sie überwinden
Aggregatzustände und Energiebarrieren. Was sie dazu brauchen, - Phantasie, nur
Phantasie und das ist ein nachwachsender Rohstoff unseres Geistes.
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- Er wuchert überall, man muss ihn nur wachsen lassen. Dort wo es keine
Brennnessel mehr gibt, gibt es keine Schmetterlinge mehr! Dort wo es keine
Phantasie mehr gibt verkümmert Literatur zur Hülle! Soweit darfst Du es nicht
kommen lassen. Das habe ich erlebt, - das lebe ich, - darin sehe ich meine
Zufriedenheit und grenzenlose Freiheit.
- In der Phantasie gibt es keine Justiz! Du kannst der mieseste Schurke und
die himmlischste Prinzessin sein, nicht mal einen Wimpernschlag voneinander
entfernt. Nutze Phantasie aus wo immer Du die Möglichkeit hast.
- So wie Du die Luft zum Atmen brauchst, - brauchst Du zum Schreiben Deine
Phantasie. Da sagt jetzt einer: "Du phantasierst"! Er kann Dir kein schöneres
Kompliment machen! Das ist doch schön zu phantasieren! Du wirst zum Phantasten
abgestempelt! Eine wertvollere Anerkennung kann Dir dieser Mensch nicht
machen. Wer Phantasie aktiv leben kann ist ein glücklicher Mensch!
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- Vielleicht treffen wir uns schon recht bald in dieser "Anderwelt",
spätestens dann, wenn ich Deine Geschichte lese!
- Stelle Dir einen hohen Felsen vor!
- Du stehst oben, - jetzt fliege hinüber und schaue in eine Welt, die nur in
Deiner Phantasie existiert.
- Greife hinein in die durchfurchte Rinde eines Baumes und fühle!
- Das musst Du jetzt spüren!
- Du fühlst es, - ich weiß, dass Du es jetzt spürst!
- Beschreibe es nicht, - fühle weiter!
So entstehen Texte für Kinder!
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