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Die Tafelrunde
- Frisch aufgebügelt und kunstvoll gefaltet thront sie
neben dem Familientafelsilber: die Serviette.
- "Wer kommt denn heute", fragt der auf Hochglanz
polierte Suppenlöffel von der anderen Tellerseite.
- Das schlanke Messer mit dem eleganten Wellenschliff
spiegelt sich gerade mit dem dreiarmigen Kerzenleuchter; es hat die Frage des
Suppenlöffels ignoriert.
- Eine Flamme will noch keine Feststimmung verbreiten.
Sie flackert aufgeregt.
- "Kindchen", lodert die oberste Kerze herunter, "nimm
Dich etwas zusammen, Du bist doch kein gewöhnliches Stearinlicht, etwas mehr
Grazie, wenn ich bitten darf!"
- "Ich steh`halt das erste mal hier neben all dem
Tafelsilber", erwidert die unterste Kerze und verschüttet ein klein wenig
Wachs über ihren Rand, das vor Schreck sogleich erstarrt.
Der Löffel lässt nicht locker: "Wer weiß es nun?"
- Die dritte Flamme, sie räkelt sich glücklich um ihren
schlanken Docht, gibt dem gut aussehenden Messer noch ein bezauberndes Funkeln
und sagt: "Ist doch egal, Du wirst sowieso gleich nach der Suppe abserviert".
- Der Dessertlöffel am oberen Tellerrand muss kichern
und flüstert zum Tischtuch: "Die hat es meinem großen Bruder ordentlich
gegeben!"
- Mit samtweicher Stimme schaltet sich die Serviette
ins Gespräch ein: "Hach, ist das so wichtig? Wer? Das ist mir egal, wenn er
nur weiche und sinnliche Lippen hat!"
"Typisch Putztuch, zu nichts nütze, und hat die höchsten
Ansprüche", erwidert die neben dem Teller liegende Gabel spitz . "Unsereins
nimmt alles was gut und teuer ist auf die Gabel, schließlich hat man ja seine
fünf Zinken dafür!"
- Ein sanfter Windhauch, - selbst die oberste Kerze
kann ein leichtes Zittern nicht unterdrücken -, kündigt die Gäste an.
- Der dreiarmige Kerzenleuchter hat den besten
Überblick, er verströmt sein warmes Licht über die festlich geschmückte Tafel,
auch die unterste Flamme reist sich zusammen und hilft flackerfrei mit.
Der Löffel seufzte. Was hatet er nicht alles über sich
ergehen lassen müssen. Erst das dumme Dahergerede der Kerze und dann seine
Benutzerin. Kaum wird er das erste mal zu ihrem Munde geführt, igittt...,
verschmierter Lippenstift vor den falschen Beißerchen. Mit einem einzigen Blick
über den Rand bemerkt er den Kaugummirest hinter dem linken Eckzahn.
Die Krebsschwanzmelange schlürft durch die angespitzten
Lippen, schwappt den schon recht malträtierten Klumpen Zahngesundheit hinter den
letzten Weisheitszahn, ein wenig Margret Astor bleibt beim Herausziehen am Rand
hängen.
- Gnädig wird der vor Schreck silberblasse Löffel in
die Suppe abgetaucht.
- „Ein zweites Mal...? Das ist zuviel!"
- Wohlige suppige Wärme um ihn herum. Schon will er
sich der nächsten Attacke stellen, _ aber niemand hält seinen Löffelstiel.
Alleine liegt er im Suppenteller.
- „Sollte das schon...? Es wäre zu schön!"
- „Ich schmeck der Zicke nicht", macht sich nun die
Krebsschwänzige bemerkbar.
- In ihrem leicht cremigen Akzent, der auf ihre
Mittelmeerheimat schließen lässt, beruhigt sie den intimen Kenner ihres
würzigen Geschmacks.
- „Vielleicht werden wir schnell abserviert", meldet
sich der Goldrandteller, „wenn mein vorzüglicher Inhalt so verschmäht wird,
dann macht es keinen Bock mehr hier so porzellanig rumzuhängen!"
Er ist das „schwarze Schaf" des ganzen Services, seine
flapsige Ausdrucksweise lassen die anderen Goldberandeten Abstand halten.
Lediglich im Tellerstapel kommen sie sich noch näher und gerade da sehen seine
tiefen Tellerbrüder auch immer, dass er zuunterst zu stapeln kommt.
- Ein leichtes Zittern stört die kulinarische
Dreifaltigkeit. Irgend Jemand hat ihn wieder beim Wickel.
- „Also doch nochmal von vorne", stöhnt der Silberne.
- Nur noch ein Kerzengefunkel lang sieht er über den
Tisch, die Serviette hat ganz ihre Contenance verloren. Ein Zipfel von ihr
hängt im Dekolleté, der zweite baumelt gefährlich nahe über dem Goldrand.
- Der stolze Brokat ist gebrochen, er fühlt sich so
elendig wie sich nur der allerelendigste Putzlappen fühlen kann.
„Das geschieht der hochnäsigen Serviette Recht", gerade
will er der vorhin so unverschämten Kerze auch noch einen passenden Kommentar
hinübersilbern, schon wird es Dunkel um ihn herum.
„Und was iss jetzt?"
- Neben sich, Metall, kein Silber, abgegriffen, nie
geputzt, halb in ein billiges stinkendes Lederetui gesteckt. Noch nie vorher
hat er mit Haustürschlüsseln Bekanntschaft gemacht.
- Darunter, Plastik, glatt, aus der Tiefe heraus
lispelt es: „Hallo, wir haben ja vorhin schon unsere Bekanntschaft gemacht, na
Du weißt schon, Astor, Margret Astor, nett Dich mal besser kennen zu lernen!"
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Käse im ICE
- „Merino?"
- „Nein, - nicht den Pullover, - den Käse", kriege ich
zur Antwort.
- Ein spitzbübisches Lächeln hüpft zu mir herüber. Der
Zug verlässt den Hauptbahnhof.
- Mit beiden Händen krame ich in Achims Rucksack.
Zwischen uns auf dem Tischchen ausgebreitet, Schwarzbrot, eingelegte Oliven,
getrocknete Tomaten in Öl.
- Was noch fehlt ist der Merino. Den suche ich gerade
zwischen Pullover und Aktendeckel. „Ich hab' ihn doch selbst da rein!
Verflixt..., hab' ihn schon!"
Während ich den Pullover wieder in den Rucksack stopfe
nimmt Achim die Plastiktüte und packt den Merino aus. Er verströmt sogleich
seinen intensiven Duft! Die Mitreisenden recken ihre Nasen zu uns rüber!
- Statt Früchtetee aus der Thermoskanne gluckert Barolo
in die Becher.
- Den Käse zerteile ich in mundgerechte Stücke.
- Mittlerweile haben wir die Kopfhörer aufgesetzt.
Kanal zwei, Beethovens Fünfte.
da da da daaa.... !
- Die Stahlträger der Elbbrücken fliegen vorbei! Der
Hamburger Michel grüßt ein letztes mal herein ins Abteil.
- Der ICE wird schneller, ein sanftes Gleiten, der
rassige Rotwein zerfließt auf der Zunge.
da da da daaa... !
- „Unerhört!" ein halblautes Getuschel hinter uns. „Das
muss man sich doch nicht gefallen lassen!" kam schon etwas deutlicher über die
Sitzlehne!
- Die freundliche Zugbegleiterin knipst unsere
Fahrscheine, „Guten Appetit meine Herren!" „Vielen Dank, dürfen wir Ihnen
etwas aus unserem Restaurant anbieten?
- Mit einem Augenzwinkern reiche ich ihr ein Stück
Merino auf einer Serviette?"
- „Der schmeckt ja herrlich, danke!"
- Das Getuschel ist verstummt.
Das flache Land fliegt vorbei!
- „Weißt Du, was das Schönste am Zugfahren ist?"
Zwischen Olive und Schwarzbrot blickt Achim verschmitzt über die Sitzreihen,
„lauter nette Leute hier!"
- „Und weibliches Personal versteht uns Genießer
einfach besser!"
- Das Lächeln der jungen Frau belohnt mich für diese
Feststellung!
- „Hochzeit auf Troldhaugen" , Edvard Grieg begleitet
uns.
Wir fliegen dem Süden entgegen.
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