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Die rote Tulpe "Hast Du Kleb'?" Ihr Herz pocht bis zum Hals. Die dunklen Augen verschlingen den jungen Mann. "Ja, Aisha, ich hab dir den Kleb' mitgebracht!" Henri lacht und hebt das kleine Energiebündel zu sich herauf in den Jeep. Die letzten Meter hinein in den Vierseithof fährt er im Schritttempo. Die Kindermeute rennt hinterher. Aisha hält mit ihren Händen das vibrierende Lenkrad. Mit einem Flüchtlingstreck kam sie aus Afghanistan. Um sich herum Menschen, die sie nicht verstand. Irgendwann hat Aisha mit dem Weinen aufgehört. Das kleine Dorf war ihr vertraut. Der Wind stetiger Begleiter an den kahlen Berghängen. In einem Moment wurde alles anders. Die ärmliche Lehmhütte brach auseinander, ihr Vater starb im Feuer. Die Mutter wurde von Soldaten verschleppt.
Irgend jemand fand Aisha neben der Piste nach Kabul. Seit gestern blühen die ersten Kirschbäume. Das leerstehende Anwesen ist ideal für ein Kinderheim. Eine riesige Aufgabe liegt vor den jungen Leuten. Henri macht seinen Zivildienst. Vom ersten Tag an ist er dabei. Einmal am Tag fährt er hinunter in den Marktflecken, Besorgungen für's Heim. Er hat schon mitbekommen, dass die Leute hier gegen das Asylantenheim sind. Zwei Dutzend Kinder leben seit einem halben Jahr mitten in Niederbayern, um sie herum ländliche Idylle, weite Wiesen, der Wald ist nah! Der barbarische Krieg in Afghanistan hat sie ihrer Kindheit beraubt. Henri will ihnen ein Stück Kindheit zurück geben.
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Vertrauen "Du hast immer gesagt, wenn mal was ist, dann dürfen wir zu Dir kommen!" Jetzt steht er an der Haustüre, fast einen ganzen Kopf größer als ich, zu nachtschlafender Zeit, ein Uhr ist schon vorbei. "Der Alte schlägt mich tot, - was soll ich machen?"
"Komm rein", - sein Zögern lässt mich noch einen Blick in Richtung Gartentor werfen, - aha, da steht jemand rum. "Das weiß der Alte auch noch nicht", - informiert mich Georg, - Bianca, - 17 Jahre, hübsches Mädchen, lange schwarze Haare, die Tochter von Luigi, dem Italiener gleich hinter dem Marktplatz.
"Warum ist der Bub nicht zu mir gekommen?"
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Die Hofreite von Butterseppels
Der Ortseingang von Hering |
Meine Heimat Auf dem Hering Eine kleine Welt, mein Heimatdorf ‚Hering'. Die Leute sagten nicht ‚Wir gehen in den Hering' oder ‚nach Hering', nein, sie gingen und gehen auch heute noch ‚auf den Hering'. Der Ort schmiegt sich eng an den Basaltkegel, der von der Veste Otzberg gekrönt wird. Die Schießmauer war für uns vom 'Oberdorf' sehr weit weg. Die Dorflinde mit ihrer ausladenden Krone ziert heute noch die Dorfmitte. Gleich dahinter der Ehrenfriedhof mit Grabsteinen aus der Römerzeit. Und natürlich die Schlosshecken, ein wahres Paradies für uns Kinder. Wildnis wohin man schaute. Jeden auch noch so schmalen Pfad durchstreiften wir als Ritter, als Cowboy, als Trapper, als Indianer. Wir bauten Häuschen hinein in die alte Stadtmauer, hinauf auf die Bäume, legten Erdhöhlen an. Zweige, Bretter, Stragula, Kisten, alte Decken, all das Material besorgten wir uns aus Schuppen und Scheunen. Die züngelnden Flammen eines Lagerfeuers erzählten uns voller Sehnsucht von den weiten Steppen Amerikas, den Schneewüsten Alaskas, der Gluthitze der afrikanischen Wüste und dem Dschungel ferner Länder. Der beißende Rauch und die Holzasche schmeckten salzig auf den Lippen. Das Knistern des Feuers lebte, war Traum und Wirklichkeit zugleich. Keine Abenteuerserie aus dem Fernsehen hat unserer Phantasie Grenzen gesetzt. Fernsehen gab es damals nicht! Das flackernde Feuer, der Wind in den Zweigen, die Wildnis unserer Schlosshecken war der Phantasie nicht im Wege. Hinter einer knorrigen Eiche sahen wir den Puma schleichen, drunten im verlassenen Steinbruch gruben wir nach den Schätzen einer geschleiften Ritterburg, und beim Schrei des Turmfalken blickten wir hinauf in den Himmel und spürten die Botschaft des indianischen Manitu. Ganz oben neben den Mauern der Burgfeste lagen wir im meterhohen Gras, rochen die Natur, um uns herum das Grasland der Pampas, das Surren des Lassos, das Aufbäumen des Wildpferdes. Wir Kinder krochen hinein in die Welt der Abenteuer, versanken in einem Verlies der Burg, spürten den kalten Stein auf dem Gipfel und flogen mit dem Adler um die Wette. Weit weg waren Schule und Hausaufgaben. Schießbogen bauten wir selber. Ein frisch geschnittener Haselnussstecken war am besten dafür geeignet. Eine stabile Kordel sorgte für die Bogenspannung, die sorgfältig überprüft wurde. Die Pfeile fertigten wir aus Schilfrohren, die wir im ‚Klingels' holten. Die Pfeilspitze war aus ‚Holler'. Für einen ruhigen Flug des Pfeils war das Gewicht der Hollerspitze wichtig. An der wurde solange geschnitzt, bis der Probeschuss zufriedenstellend war. Wir Kinder wären nie auf die Idee gekommen mit unserem Eigenbau auf eine Zielscheibe zu schießen. Unsere Ziele waren Baumstämme, Äste, Blätter, Steine und Zäune. All diese Ziele verkörperten in unserer Phantasie wilde Tiere, Schurken, Drachen und Ungeheuer. 'Kaffeekebschesholz', verdorrte Kletterpflanzen, von uns Lianen genannt, wurde angezündet und geraucht. Oftmals waren vom vielen Anzünden die Augenbrauen versengt. Die Streichhölzer stibitzten wir zuhause. Der Rauch schmeckte beißend und grauslich, aber das hätten wir nie zugegeben. Gemütlich saßen wir in einer Erdhöhle auf einer ‚Ebbelkiste' und widmeten uns dem Ritual der Friedenspfeife. Um uns herum Halbdunkel, die eingerissene Pferdedecke vor dem Eingang, draußen das niedergebrannte Lagerfeuer. Phantasienamen gaben wir uns, weißer Büffel, Häuptling der Sioux oder Old Shatterhand, Freund der Indianer. Katapults bauten wir aus einer Astgabel, Rexgummi und einem Lederflicken. All diese Materialien mussten sorgfältig ausgewählt werden. Zuerst war die Astgabel dran. Wir streiften durch die Schlosshecken, prüften so manchen Haselnussstrauch, aber auch Schwarzdornbusch, bis wir die passende Gabel herausschneiden konnten. Immer wieder wurde das geschnittene Holz geprüft, die Symmetrie musste stimmen, es musste gut in der Hand liegen. Der Rexgummi wurde zuhause aufgetrieben. Kordel und Lederflicken besorgten wir uns beim Schuster. Zwischen Gabelholz und Rexgummi wurde je ein Stück Kordel verknotet, nicht länger als zwei Zentimeter. Eine zweite Kordel verknoteten wir mit dem Lederflicken. Diese beiden Zügel mussten zum Lederflicken hin gleichlang sein, damit sich die Kraft gleichmäßig übertrug. Das Geschoss, vorzugsweise Kieselsteine, aber auch Eicheln und gehärteter Lehm, wurden in das Leder hineingelegt und zusammen mit diesem ausgezogen. So eine Schleuder, dieses Wort gebrauchten wir nicht, wir sagten Katapult, war eine gefährliche Waffe. Uns Kindern war das nicht bewusst. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, an dem wir uns gegenseitig mit solch einem Katapult beschossen hätten. Der eine oder andere Vogel, vielleicht auch ein paar Hühner waren schon mal unser Ziel. Ganz aufgeregt waren wir, wenn ein paar Federn flogen und das Hühnervieh im Unterholz verschwand. Opa baute mir eine Armbrust, was ganz besonderes, und Papa schnitzte mir ein Schwert aus Lindenholz. Ein paar Buben hatten einen richtigen Dolch, ich durfte nie so einen Dolch besitzen. Im Schlossgraben fingen wir Schmetterlinge, an große Schwalbenschwänze kann ich mich erinnern. Auf dem ‚freien Platz' bauten wir unsere Zelte auf und zündeten Lagerfeuer an. Der ‚freie Platz' und auch der Schlossgraben sind heute zugewuchert. An der Lochgasse, die heute Groß Umstädter Straße heißt, war das ‚Loch', ein Löschteich mit stinkender Brühe drin. Vorne ging eine Treppe hinunter zum Wasser. Fette Kröten saßen daneben. Oma erzählte schaurige Geschichten. Ein kleines Mädchen, es hieß Bärbelchen, war reingefallen und ertrunken. Das tote Kind hätten sie am Strumpfband aus dem Wasser gezogen. Monatelang beschäftigte mich die Schilderung meiner Großmutter. Das Loch war mit einem Eisengitter eingezäunt. Innerhalb des Gitters balancierten wir auf der Einfriedung. Endlos tief und schaurig spiegelte uns das Wasser entgegen. Irgendwie war dieser Tümpel für uns unheimlich. Da war was unter der Wasseroberfläche, das wir Kinder nicht erforschen konnten. Allerlei Getier, Echsen, Schlangen und Seeungeheuer vermutete unsere Phantasie. Der Ziehbrunnen vor der Zinselsgasse war mit einem Holzdeckel abgedeckt. Das Dach aus Eisenblech, mit seinen verrosteten Nieten und Scharnieren, bot uns Kindern Schutz vor Regen. Gerne beobachteten wir aus diesem Versteck heraus die Passanten. Hinter dem Holztor und der verfallenen Mauer an der Hintergasse lebte eine alte Frau, die ‚Weise Anna'. Sie sprach nicht unsere Mundart. Mit ihrer hohen Stimme redete sie Hochdeutsch. Schlohweißes Haar hing ihr ums Gesicht und weit über den krummen Rücken. Sie hatte dunkle wallende Röcke an. Ein bisschen Angst hatten wir vor ihr, obwohl sie zu uns Kindern nett war. Nach einer Besorgung, die wir für die alte Frau erledigten, bekamen wir von ihr 30 Pfennige, ein kleines Vermögen für uns Kinder. Das Geld wurde im Kramerladen bei der ‚Christe Anna' in Süßigkeit umgesetzt. Eine Rolle Pfefferminzdrops, ich weiß das heute noch, kaufte ich von meinem Anteil. Meine Eltern hatten von der ‚Weise Anna' Feld gepachtet, unseren Erbelacker. Ein zweites. eigenes Feld lag im ‚Berneds'. Auch hier wurden Erdbeeren gepflanzt. Für die kleinen Leute auf dem Hering war die Erdbeerernte ein wichtiges Zubrot. Der steinige Boden rund um den Basaltkegel war nicht allzu fruchtbar, für Erdbeeranpflanzungen aber geeignet. Ich weiß noch, wie wir mit dem Erdbeerkarren aufs Feld zogen, über und über beladen mit geflochtenen Körbchen. Die Karre war leicht, die Körbchen leer. So eine ‚Erbelkarre' bestand aus zwei Rädern, dazwischen war eine Holzkiste auf der Achse montiert. Achse und Holzkiste wurden durch Verstrebungen miteinander verbunden. Eine geschwungene Deichsel aus Metall mit einem queren Handgriff am Ende setzte an der Verstrebung an. Eine ‚Erbelkarre' wurde nicht gezogen, sie wurde, besonders wenn voll beladen, gedrückt, also vor sich hergeschoben. Zwei Zentner Erdbeeren konnten damit transportiert werden. Die Erdbeerkörbchen zu je 4 Pfund, meist auf dem Feld abgewogen, wurden in Vierer- oder Sechserstapeln in den Karren hineingesetzt. So wie Backsteine in einem Mauerwerk ineinander greifen, so stabilisierten sich die vollen Erdbeerkörbchen in dem Aufbau, die weit über die Seitenteile der Karre hinausragten. Mein Vater konnte besonders gewagte Aufbauten konstruieren, die er zusätzlich mit Lederriemen oder Seilen sicherte. Ein voll beladener Karren verlangte die Kraft zweier Erwachsener, um ihn hinauf zu drücken über den ausgefahrenen Feldweg raus aus dem ‚Berneds' in Richtung Dorf. Die Erdbeerannahmestelle war das Ziel. Es gab zwei Sammelstellen. Dort wurden die Körbchen gezählt und je nach Sorte zu den großen Stapeln dazugestellt. Die Anzahl der Körbchen, genauer, das Gewicht der Früchte wurde in ein Oktavheft geschrieben und vom Händler abgezeichnet. Dieses Oktavheft nahm meine Großmutter mit nach hause. Der Händler selbst schrieb das noch mal in einem Buch auf. Zentnerweise standen die Körbchen in den Annahmestellen, bis sie spät abends mit einem Lastwagen abgeholt wurden. Tage später kam der Zwischenhändler zu uns nach hause und zahlte in bar aus. Je nach Sorte gab es unterschiedliche Preise, zum Anfang der Saison war der Kilopreis besser als in der Haupterntesaison. Mit der Ernte war es nicht getan. Das Erdbeerfeld musste das ganze Jahr über bearbeitet werden. "Erbelhacke" war eine schwere Feldarbeit, Reihe um Reihe wurde so angegangen, das Unkraut ausgerissen und der steinige Boden gehackt. Es gab noch Kuhfuhrwerke im Dorf. Die reichen Bauern hatten Pferde. Traktoren kamen erst später auf. Bei ‚Butterseppels' standen zwei ‚rotbraune Füchse'. Was war das für eine Aufregung, wenn die ausrissen. Sie fegten um die Hausecken der steilen Gassen. Wir Kinder sprangen auf die Treppe bei Himmelhebers, aufgeregt mit pochendem Herzen vor Aufregung und ein bisschen vor Angst. Unten den Hufen stiebten die Funken davon.
Der Herd Zuhause gab es einen Herd. Das war die zentrale Koch- und Feuerstelle in der Küche. Der Herd brannte den ganzen Tag. Wenn Oma in aller Frühe aufstand, sie war die erste im Haus, wurde er sauber gemacht, der Aschenkasten ausgeleert und die "Feuerstelle" für den Dauerbetrieb angerichtet. Die Asche hat grau, fast silbrig ausgeschaut, mit großen Flocken vom viel verfeuerten Holz. An der Seite war ein ‚Schiff', ein Wasserbehälter, so hatten wir den ganzen Tag warmes Wasser. Die Herdplatte hatte mehrere Öffnungen, die durch Eisenringe abgedeckt wurden. Die heißen manchmal sogar glühenden Eisenringe wurden mit einem Schürhacken weggenommen. Verschiedene Töpfe und Tiegel, Pfannen und Bräter standen auf dem Herd. Ganz besonders kann ich mich an eine gusseiserne Pfanne erinnern. Sie hatte Füßchen, die Opa irgendwann mal wegfeilte. Diese Pfanne wurde über das offene Feuer gegeben, dazu wurde die Herdplatte aufgemacht, das heist die eisernen Ringe mit dem Schürhacken weggenommen. In dieser Pfanne wurde alles mögliche zubereitet - Bratkartoffel, Eier, ‚Gensstebbel'. Das war länglich geformter Kartoffelteig mit zwei spitzigen Enden. Mit Schmalz wurden die ‚Gensstebbel' rausgebacken. Unter dem Herd war der Holzkasten. Darin war alles Mögliche, altes Papier, Holzscheite und Brikett, Eierbrikett und Steinkohle. Eine spezielle Kohlenschaufel, eckig mit Holzgriff, beförderte die Eierbriketts hinein in das Feuerloch. Etwas über dem Aschekasten war ein weiteres Türchen mit einem Schiebefenster um die Luftzufuhr zu regulieren. Kleinere Abfälle wurden in den Herd geworfen. Sie verbrannten mit Gezisch. Einen ‚Rüttler' gab es neben der Ofentür. Das war ein Knopf über ein Eisengestänge mit dem Feuerrost verbunden. Der wurde raus und reingezogen, wenn sich die Glut in der Feuerstelle setzen sollte. Die verbrannte Asche fiel runter in den Aschekasten.
Geschnitztes Ein hölzerne Schaufel im Salzschieber. Sie erfüllt noch ihren Zweck. Ich habe sie als Bub bei einem Bastelkurs in der Jugendherberge geschnitzt. Die Jugendherberge gibt es schon lange nicht mehr. Heute ist ein Heimatmuseum in dem Gemäuer der Veste Otzberg untergebracht. Die kleine Schaufel erinnert mich an eine glückliche Kindheit. Mutti benutzt sie schon viele Jahre. Damals habe ich auch einen Brieföffner geschnitzt. Ich müsste nachschauen ob er auf Papas Schreibtisch liegt.
Das Brettchen Es ist aus Kunststoff und mindestens 50 Jahre alt. Tante Friedel hat es von Röhm & Haas aus Darmstadt mitgebracht. Bunte Brettchen, wie oft habe ich sie als Kind, als Heranwachsender benutzt, ausgeteilt, eingesammelt, sauber gemacht. Diese Brettchen existieren immer noch. Papa hat gerade ein lindgrünes aus der Schublade geholt und seinen Apfel darauf geschält. Die Zeit ist stehen geblieben. Die Brettchen sehen immer noch gut aus, matte Farben, zeitlos!
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