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Inhalt:
Klassenkampf
   
   

Klassenkampf

"Können Sie nicht anständig servieren?"
Ein verstörter Blick der jungen Frau trifft mich für einen Moment.
"Entschuldigen Sie bitte."
"Was heißt hier Entschuldigen sie bitte, wenn ich sage ich will keine Suppe, dann brauche ich auch keinen Löffel!"
 
Unfreiwillig werde ich Zeuge dieser Auseinandersetzung.
Der aufgebrachte Herr ist in meinem Alter, offensichtlich hat er schon sein Menü bestellt. Der Aperitif steht vor ihm.
Die Bedienung nimmt den Löffel vom Gedeck des Gastes, dreht sich um, ein leicht betonter Blick an die Stuckdecke verrät für einen Moment ihre Meinung über diesen Menschen.
Der Chef des Hauses kommt an meinen Tisch, gibt mir die Weinkarte. "Guten Abend Günther, schön Dich wieder mal hier zu sehen. Einen leichten Soave classico habe ich, er wird Dir schmecken."
 
Mit einem Streichholz zündet er die Kerze auf meinem Tisch an.
"Bist Du alleine, oder erwartest Du noch jemand?"
Ich entscheide mich für den Soave-Wein.
"Eine Kollegin kommt noch, solange möchte ich mit der Bestellung warten!"
Luigi ist ein alter Bekannter aus Studentenzeiten. Damals war er Oberkellner in diesem Lokal, ich habe hier immer mal wieder gejobt. Jetzt ist er sein eigener Chef, hat das Restaurant vor Jahren gekauft - das Lokal zählt mittlerweile zu den besten Italienern der Stadt.
 
"Na, also, es geht doch!"
Die junge Frau hat am Nachbartisch den Vorspeisenteller serviert.
"Wenn Sie in so einem Restaurant arbeiten, dann müssen Sie schon was bringen, - junge Frau!"
Das Gesicht des Gastes am Nebentisch ist mir noch verborgen, ich sehe leicht gewelltes dunkelblondes Haar, dunkler Anzug, neben dem Stuhl die Kongresstasche.
Die Stimme, - die kenne ich!

'Scheiß - Bourgeoisie', rief sie damals, - das dunkelblonde Haar, - der Tonfall, er ist es, - Mao - die 68er - Demonstrationen im Hörsaal, Randale, er war immer dabei, war Vorsitzender des kommunistischen Studentenbundes, Einpeitscher, Sprachrohr und Agitator der Außerparlamentarischen Opposition. Sein Ziel, die klassenlose Gesellschaft. So ganz nebenbei war er auch Medizinstudent.

Ein wenig neige ich mich zur Seite, die Vorspeise scheint ihm zu schmecken, ich sehe sein Profil, natürlich, er ist es - Andreas, - die 'absolut linkeste Rote Socke' an der Uni.
"Darf ich den Teller mitnehmen?"
Die junge Frau steht neben Andreas.
"Nicht so hastig gnädiges Fräulein, immer gediegen, - bringen Sie mir jetzt ein kleines Bier!"
 
Unwillkürlich fährt es heraus.
"Scheiß-Bourgeoisie", viel lauter als beabsichtigt sage ich diese Erinnerung in Richtung Nachbartisch. Die Bedienung schaut verwundert, Gäste aus der Sitzecke blicken aufmerksam herüber.
Andreas fährt herum, sein Gesicht ist voller geworden, der kurze Schnauzbart gepflegter, das Haar - exakt so wie früher.
"Hallo Professor Rieger, oder darf ich Andreas sagen?" Für einen Moment sagen mir seine Augen absolute Hilflosigkeit.
 
Beate erspart uns beiden das peinliche Schweigen. Meine Kollegin, nein - unsere Kollegin wird von Luigi an den Tisch geführt.
"Hallo Günther", jetzt schaut sie rüber zum Nachbartisch,
"Mensch Andreas", fährt mit ihrer rechten Hand in das dunkelblonde Haar, "Dich habe ich ja schon eine Ewigkeit nicht gesehen! - Luigi, stelle bitte beide Tische zusammen, das muss gefeiert werden!"
Wir bleiben beim Soave, das kleine Bier wird abbestellt.
"Ach ja, ihr Beiden, toll wieder mal zusammen zu sein."
 
Die eben noch gescholtene Bedienung kommt an den Tisch und bringt drei Weißweingläser auf einem Tablett.
"Übrigens, darf ich Euch meine Tochter Julia vorstellen, studiert seit 4 Semestern Medizin, nebenbei jobt sie bei Luigi."
Julia stellt die Gläser auf den Tisch.
"Hallo Julia, nett sie kennen zu lernen!"
Meine Bemerkung wird mit einem schelmischen Lächeln quittiert. Andreas ist erstarrt.
"Was hast Du denn", fragt Beate, "dass Du bei hübschen Mädchen immer noch rot wirst, - genau so wie damals!"
 
"Grüß Gott Professor Rieger, Mutti hat von Ihnen erzählt, - und von der Kommune, - damals!"
Noch etwas schüchtern streckt sie Andreas die Hand entgegen, - merkt aber bald, dass der momentan viel lieber ganz woanders sein möchte.
"Ich hole den Wein, - Luigi kümmert sich selbst um Euch, und, - Trinkgeld von der eigenen Mutter, - verbietet mir mein Anstand". Ein koketter Wimpernschlag unterstreicht ihre Worte.
 
"Sag' mal, wars't Du wirklich mit Andreas zusammen in dieser Kommune", will ich von Beate wissen.
"Das waren noch Zeiten!"
Jetzt schaut sie durch das gefüllte Weinglas rüber zu Andreas.
"Du war'st so furchtbar politisch und links und kommunistisch - und ich war nur verknallt in Dich!"
Langsam verblasst die Gesichtsfarbe von Andreas, jetzt bringt er sogar ein gequält wirkendes Lächeln rüber.
 
Beate erzählt weiter.
"In der Kommune war ich nicht aus politischer Überzeugung", nach einem Schluck Wein fährt sie fort, "ich wollte nur in der Nähe von Andreas sein, aber der war damals ausschließlich mit Mao liiert. Zwei oder drei Wochen später zog ich wieder aus!"
Andreas hat seine Sprache wieder gefunden.
"Eine hübsche Tochter hast Du!"
Den ganzen Abend blickt er verstohlen Julia hinterher.
"Sag' mal, wie alt ist Deine Tochter?"
Jetzt platze ich mit einem Lacher heraus.
"Stell Dir vor Andreas, Du hättest nicht nur Beate's Tochter, sondern auch Deine eigene Tochter so angemotzt!"
Beate schaut mich fragend an.
"Ach nichts besonderes, Andreas hat nur sein klassenkämpferisches Weltbild revidiert! Vergiss es!"
"Sie wird nächsten Monat dreiundzwanzig".
Klärt Beate uns beide auf und fragt harmlos weiter.
"Weißt Du noch Deinen Standardausdruck von damals?"
"Ach Gott, was hat man nicht alles dahergeredet!"
Andreas ist dankbar, dass ich jetzt weniger klassenkämpferische Themen anspreche.
 
Am nächsten Tag kommt Herr Professor Rieger mit einem großen Blumenstrauß und zwei Theaterkarten bei Luigi vorbei.
"Für Julia!"
Er drückt dem Gastronom beides in die Hand. Dann holt er eine abgegriffene Mao-Bibel aus seiner Manteltasche.
Eine sehr interessante Widmung findet Julia auf der Umschlaginnenseite.

'Klassenkampf ist Höflichkeit - Entschuldigung - Andreas Rieger !"

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