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Hier textet, fabuliert und publiziert
F a b r i z i u s

Texte und mehr

Inhalt:

 

Erich Fried:
Was es ist
Gedanken darüber

 

Nelly Sachs:
Oh der weinenden Kinder Nacht
   
 
 

Was es ist

(Erich Fried)

Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist was es ist, sagt die Liebe.
 
Es ist Unglück,
sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz,
sagt die Angst.
Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht.
Es ist was es ist, sagt die Liebe.
 
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig,
sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich,
sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe

Gedanken darüber

Dieses Gedicht begleitet mich ein halbes Leben. Anfangs hat es mir "nur" gefallen. Immer mehr spüre ich wie es mit mir wächst. Ich begreife die Zeilen intensiver, erlebe sie inniger und nehme sie mit hinein in meinen Alltag. Dass Sprache so unendlich viel Kraft haben kann, und dass ich diese Sprache mehr und mehr verstehen lerne, das gibt mit die Kraft zu schreiben.

"Es ist was es ist" - oberflächlich besehen, - könnte mit Gleichgültigkeit verwechselt werden, im Sinne von "Es ist nun mal so...!"

"Nun mal so", bleibt nichtssagend an der Oberfläche der Gedanken.

- "Es ist was es ist" - geht in gedankliche Tiefe, beschreibt exakt, dass jede kleine Begebenheit genau so vorhanden ist wie das große Geschehen um uns herum, wenn man es nur mit den Augen der Liebe sieht. Hier ist Liebe nicht auf die zwischenmenschliche Beziehung reduziert, - Liebe ist hier die allumgreifende Klammer, die unserem Leben jenseits jeder Frömmelei und Meinungsmache einen Sinn geben kann. Selbst sinnlos Geglaubtes wird durch diese Aussage "Es ist was es ist", in einem anderen Licht besehen.

Ich mag mein Leben, mit jeder Faser meines Herzens, akzeptiere das halbvolle Glas der Traurigkeit, trinke das Halbleere der Freude genau so aus.

- Es ist was es ist, sagt die Liebe - Dieses Gedicht von Erich Fried

schenke ich Euch allen in diesem neuen Jahrtausend.

 

[Erich Fried]            

 

Nelly Sachs - Gedanken zu ihren Gedichten

 

O der weinenden Kinder Nacht

(Nelly Sachs)

O der weinenden Kinder Nacht !
Der zum Tode gezeichneten Kinder Nacht !
Der Schlaf hat keinen Eingang mehr.
Schreckliche Wärterinnen
Sind an die Stelle der Mütter getreten,
Haben den falschen Tod in ihre Handmuskeln gespannt,
Säen ihn in die Wände und ins Gebälk -
Überall brütet es in den Nestern des Grauens.
Angst säugt die Kleinen statt der Muttermilch.
 
Zog die Mutter noch gestern
Wie ein weißer Mond den Schlaf heran,
Kam die Puppe mit dem fortgeküssten Wangenrot
In den einen Arm,
Kam das ausgestopfte Tier, lebendig
In der Liebe schon geworden,
In den andern Arm, -
Weht nun der Wind des Sterbens,
Bläst die Hemden über die Haare fort,
Die niemand mehr kämmen wird.

 

Diese Lyrik erstickt die frei atmende Seele. So viel unsagbarer Schmerz!

"Aus der Tiefe schreie ich Herr zu Dir..."
Aber der Schrei verstummt in der Unendlichkeit des unermesslichen Schmerzes.
Diese Worte von Nelly Sachs treffen mitten hinein in mein Herz!

Die offensichtliche Wertlosigkeit von Leben in seiner reinsten Form lässt meine Seele zu einem Klumpen Eis erstarren. Eine Bilderkaskade quält mit immer schrecklicheren Szenen. Zu was ist der Mensch fähig? Diese Frage hämmert in mir, fordert eine Antwort, die ich nicht geben kann.

Zum greifen nahe spüre ich unendlichen Schmerz, erlebe vernichtende Verzweiflung.

"Aus der Tiefe schreie ich Herr zu Dir..."

Jetzt verstehe ich die damals in der so dunklen Zeit tausendfach gestellte Frage: "Warum Herr... lässt Du das geschehen?"
Keine Antwort kann dieses Gedicht erklären. Keine Worte können das begreiflich machen.

Es ist vorhanden... und es kriecht weiter in unserer Welt... seid Ihr alle so blind?

"O der weinenden Kinder Nacht"

Gebe Dir, Nelly Sachs, der Herr Dein Gott Deiner Seele Frieden!

Shalom

 

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