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Ein Bühnenstück |
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Die Zeit
Regieanweisung:
- M und O sind Wesen, vergleichbar Menschen aber nicht mit
diesen
- gleich zu setzen. Zeitlosigkeit wird von beiden in einem
Oval erlebt, dass sich immer wieder verändert, das sich versucht zu drehen,
dabei aber seine eigene fehlende Zeit erfährt. Es dreht sich ohne in Bewegung zu
sein.
M ist das im Oval Vorhandene,
O ist das Eingedrungene!
Beide Wesen stehen sich gegenüber, warmes Licht kommt
nur von oben. Die ovalen Wände erkennt man schemenhaft.
M spricht ohne
körperliche Gestik, aber fein akzentuiert und sehr variabel in der Lautstärke.
O spricht monoton, einer Computersprache gleich, im
Gegensatz dazu entwickelt er eine deutlich übertriebene Körpersprache.
- M/ Ich sehe den Horizont nicht mehr!
- Meine alte Weissagung! Warum bist Du gekommen?
- Es wird kein Ende haben.
O/ Du musst Dich jetzt schon entscheiden, ob
Weissagung
oder Horizont.
M/ Nicht wirklich, mein Traum lässt noch keine Entscheidung zu.
- O/ Viel mehr hast Du mir nicht zu sagen?
- keine Erkenntnis? Wie lange bist Du schon hier?
M/ Ich weiß es nicht!
- O/ Meine fehlende Geduld wird keine neuen Ausreden
- zulassen, sie wird in dich hineinkriechen
- wird in deinen Gehirnwindungen eine Richtung formen.
- Alles wird sie aus dir heraus brechen... Alles!
M/ Was ist Geduld, hier existiert keine Zeit, hier
fehlen alle
Zeiger der Uhren, hier wechselt das Licht ohne
Rhythmus,
hier existiert keine Geduld.
O/ Ich sehe Dich als Kind, sehe Dich als Greis, du
bist
Vergangenheit und Zukunft zugleich.
So schnell könnte der Zeiger der Uhr nicht drehen,
deshalb
sind alle Ziffernblätter hier leer.
Warum ticken die Uhren dann lautlos?
M/ Ticken... Ticken ist Melancholie... Ticken ist
ewiges Wispern
der verlorenen Zeit. Selbst die Schwerkraft wird nur
bemerkt,
Fallen kann sie nicht, die fehlende Zeit erlaubt es
ihr nicht.
Was ist Geduld?
Geh`wieder hinaus... selbst Alleine kann ich nicht
sein...
geh`wieder hinaus... ich will meinen Horizont wieder
sehen.
geh`wieder hinaus... ich sehe ihn nur, wenn du nicht
mehr da bist!
O/ Keine Tricks, ich gehe nicht ohne Dich!
M/ Dann warte!
- O/ Wie kann ich warten, wenn ich keine Zeit dafür habe?
M/ Denke über den Horizont nach... meinen Horizont,
den ich nicht mehr sehe! Geh`jetzt endlich!
O/ Ist Dir der Horizont so wichtig?
- M/ Nein, er ist nicht wichtig, er ist nur dann zu
sehen,
- wenn ich alleine bin. Geh`jetzt!
O/ Warum kannst Du als Kind genau so klug sprechen?
Warum verändert sich Deine Stimme nicht, wenn Du mir
alt erscheinst? Was bist Du?
M/ Was ich bin? Licht und Schatten zugleich,
Augenblick
und Ewigkeit in einem.
Ich wandle mich ohne mich zu verändern!
O/ Gehst Du jetzt mit mir?
M/ Nein!
- Das Oval taucht in grelles Licht ein. O wirft einen
überdimensionierten Schatten an die Wand, M bleibt ohne Schatten.
- M redet in Richtung Schatten, O, steht hinter M und
tritt ganz langsam, zeitlupenhaft auf der Stelle.
- Der Effekt: Die übertriebene Gestik von O wird im
Schatten überdimensional verstärkt, M wirkt hingegen ohne Schatten, ohne
erkennbare Gestik mit seiner akribischen gut modulierten Stimme zeitlos.
-
O/ ich habe das Recht Dich von hier fort zu bringen!
Ich werde Dich brechen.
M/ Wir sind zu verschieden, brechen kannst Du mich
nicht.
Deine Zeit ist nicht meine, ich habe keine!
O/ Ich werde Dich zwingen zu gehen.
- M/ Wenn Du mich zwingen willst, dann brauchst Du
Zeit.
- Du kannst sie dir nehmen, aber nicht hier!
- Ich habe keine Zeit, es wird nicht gehen!
- Ich sehe den Horizont nicht.
- Wenn ich ihn wieder sehe, dann bist Du weg.
- Geh jetzt!
O/ Verrate mir warum Du hier bist.
Wer hat Dich hierher gebracht?
Wo warst Du vorher?
M/ Hier bin ich von Anfang an, - ich habe mich hier
gefunden.
Es gibt niemanden, der mich hierher gebracht hat.
ich bin schon immer hier. ich war nirgends anders,
ich werde
ewig neu hier sein.
Vorher? Ich kenne kein Wort, das Avorher@ heißt.
ich kenne kein Wort, das Anachher@ heißt.
Ich weiß nicht mehr wie Du, - Du fragst danach, ich
warte auf meinen Horizont.
geh`jetzt!
O/ Bist Du lebendig?
M/ Was ist das? - lebendig?
O/ Dein Herz muss schlagen, das ist lebendig.
M/ Was ist H e r z ?
O/ Hast Du keins?
- M/ Ich brauche meinen Horizont,
- geh jetzt!
O/ Was hast Du dann, wenn Du kein Herz hast?
ist der Horizont so was wie H e r z für Dich?
Auf der Bühne wird der überdimensionierte Schatten von O
flacher, O selbst tritt nicht mehr auf der Stelle. Verliert im nächsten Dialog
ganz seine Gestik. In dem Maße, in dem O's Gestik weniger wird, hört man nun
Wasser langsam Tropfen, erst leise mit Nachhalleffekt, dann lauter werdend, bis
es sehr ohrnahe ohne Hall bleibt. Zu diesem Zeitpunkt ist O absolut ohne Gestik,
die Stimme verbleibt Monoton.
- M/ Wie soll ich Dir sagen wie etwas, das ich nicht
kenne,
- für mich ist. Horizont ist für mich da, wenn sonst
niemand
- da ist. Sonst ist immer niemand da. jetzt bist Du da!
- geh`jetzt!
O/ Ich will Dich, ich muss Dich mitnehmen, will Dich
aus der Zeitlosigkeit herausbrechen, muss Dich
aus Deiner eigenen Weissagung herausbrechen.
Geh`mit mir, ... folge mir, werde so wie ich!
Ich teile mein Herz mit Dir, dann brauchst Du keinen
Horizont mehr. Gebe Dir meine Zeit, dann weißt Du
was vorher werden kann, was nachher ist!
Erlebst Schwerkraft in der Zeit, schwebst über
Deinem fehlenden Horizont.
Komm`mit!
M/ Ich bin ewig hier, sobald Du mir Deine Zeit gibst
werde ich
in Staub zerfallen. Der Horizont wird zum Abgrund, er
wird
auch Dich mitreißen. Meine Zukunft wird Vergangenheit
sein
und meine Gegenwart wird nicht existieren.
Gebe mir meinen Horizont, Geh jetzt!
O/ Ich bin gekommen um...
Der Text bricht ab!
Die Bühne wird schlagartig dunkel.
Aus den Zuschauern heraus eine Stimme
Die Stimme von S
S/ ich bins, die Zeit, - spürst Du mich?
Die Bühne bleibt Dunkel, aus diesem Dunkel heraus fährt M fort
- M/ geh`fort, - verlasse mich, ich will meinen
Horizont sehen
- gebe mir die Kraft mich zu bewegen, gebe mir die
Kraft!
- Lass mich meine Weissagung Träumen!
- Ein Traum braucht keine Zeit, er ist Unendlichkeit im
- Augenblick. Ich brauche Dich nicht, geh`-
-
Das ohrnahe tropfende Wasser wird wieder zunehmend mit Hall unterlegt,
langsam werden die hörbaren Wassertropfen zum Ticken einer Uhr.
- S/ Schick ihn nicht weg! Ignoriere ihn, schaue durch
ihn
- hindurch, verschlucke seinen Schatten.
-
Das Licht der Bühne springt wieder an, M bewegt sich jetzt geschmeidig aber
langsam im Oval, O liegt zusammengekauert am Boden. Die Beleuchtung bringt jetzt
den Schatten von M an die Wand. Das Ticken der Uhr wird wellenförmig mal laut
mal leise. S wird im Zuschauerraum sichtbar, S ist wie ein normaler
Theaterbesucher gekleidet. Er steht auf und geht auf die Bühne, steht ganz vorne
seitwärts und schaut auf O
- M/ Ohne seine Zeit hat er keine Zeit zum gehen!
- Warum habe ich das nicht erkannt. Ohne seine Zeit
- kann er meinen Horizont nicht sehen. Ohne meinen
- Horizont kann ich...
S/ deine Weissagung ist erfüllt, gehe hinaus... gehe
zurück
in Deine Zeit, ich fülle den Raum für Dich.
Dein Horizont ist erloschen.
vergesse Deine Zeitlosigkeit, strebe nach Macht,
werde
schwach, nehme Deine Jugend und ertränke sie im
Alter, gebäre den Hass und die Furcht, erleide den
Schmerz
und die Trauer, werde M e n s c h!
M geht runter von der Bühne, das Ticken der Uhr wird
lauter, M setzt sich auf den Zuschauerplatz von S, fängt an zu klatschen, erst
ganz verhalten, schaut um sich herum, (die Theaterbesucher werden jetzt nicht
wissen wie sie sich verhalten sollen, klatschen, - oder nicht)
S steht wie vorher ganz vorne auf der Bühne.
- S/ Vergeude Deine Zeit nicht!
- als Mensch bist Du ein Nichts, bist zaudernd und
- herrschsüchtig, verlogen und feige.
- Als Mensch bist Du sterblich geworden.
-
-
- S geht in die Mitte der Bühne,
- dreht einen grellen Scheinwerfer hinein ins Publikum
und schreit
-
-
- S/ Wo sind eure Schatten?
- Wer hat uns den Horizont genommen?
- Ich, die Zeit, habe für Euch keine Zeit!
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