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Hier textet, fabuliert und publiziert
F a b r i z i u s

Herzlein

 

 

"Kann ich jetzt meine Tasche wieder haben?"

Herzlein fragte recht kleinlaut den aufgebrachten Museumswärter Stiller.

"Nein, die übergebe ich eigenhändig der Vorsitzenden."

Stiller nahm die Aktentasche, zog die unterste Schublade an seinem Schreibtisch heraus und legte sie hinein!

"So, alles andere überlassen wir jetzt mal der Vorsitzenden."

Es war kein einfaches Museum, niemand kannte es, der Museumswärter hatte auch keine Uniform oder ähnliches an. Dieses Museum war getarnt.

Aus diesem Grunde hatte es auch keine Besucher, keinen Kartenschalter und auch keine Öffnungszeiten. Niemand konnte so einfach hineingehen. Nur Herzlein hatte die Erlaubnis der Vorsitzenden hineinzugehen. Gesehen hatte er diese Frau noch nie.

Viele Jahre ging das auch reibungslos, das war schon Gewohnheit. Herzlein klopfte an das Tor, Stiller öffnete, Herzlein ging hinein. So einfach war das, ...bis auf heute.

Wie üblich klopfte er, wie üblich öffnete sich das Tor, Herzlein ging hinein, aber wie von einer Tarantel gestochen kam Stiller heraus aus seinem Pförtnerhaus und nahm Herzlein die Aktentasche weg.

Genau so schnell wie er herauskam, so schnell war er auch wieder drinnen in der Pförtnerstube.

Die Aktentasche hielt er hinter seinem Rücken und versperrte Herzlein den Zutritt in die kleine Pforte.

Schnell war die Vorsitzende antelefoniert und die entwendete Aktentasche in der Schublade vorläufig in Sicherheit gebracht.

"Was wollen sie eigentlich mit meiner Tasche anfangen?"

Wieder versuchte Herzlein Stiller zu bewegen, die Tasche herauszugeben.

"Es ist doch gar nichts drin in der Tasche", bemerkte Herzlein.

"Was, nichts drin, überhaupt nichts drin?"

Noch bevor eine weitere Unterhaltung in Gang kam erschien die Vorsitzende. Lautlos kam sie aus einem Seitenflur. Eine zierliche Frau, fast zerbrechlich, im schwarzen Kostüm. Herzlein hatte sich die Vorsitzende immer als ältliche Dame vorgestellt. Nun, das war sie nicht, sie mochte gerade mal über Dreißig sein. Lange schwarze Haare fielen über einen roten Seidenschal, der locker um ihren Hals geschlungen war. Herzlein schaute in ein jugendliches Gesicht. Die perlmuttbesetzten Ohrringe umrahmten ihr Lächeln.

"Guten Tag Herr Herzlein, bitte stellen sie jetzt keine Fragen, kommen sie mit mir."

Sie drehte sich um und lief hinüber zur Treppe. Herzlein, noch immer erstaunt über ihre Jugend, ging hinterher.

"Was haben sie denn in ihrer Tasche?"

"Nichts, Frau Vorsitzende, - die Tasche ist leer."

"Ach, leer..., warum haben sie dann eine Tasche mit hierher gebracht, wenn sie leer ist?"

Eine sonderbare Betonung lag auf dem 'leer'.

"Na ja, das werden sie mir ja alles gleich ganz genau erzählen können, bitte da entlang, mein Büro ist ganz hinten am Ende des Ganges."

Die Vorsitzende nahm leicht die letzten Stufen und bog in einen hell beleuchteten Korridor am oberen Ende der Treppe ein.

Herzlein folgte ihr. Von der Seite konnte er ihr Profil studieren. Eine elegant gekleidete zierliche Frau, das Kostüm figurbetont, diese Frau zog Blicke auf sich.

Wie konnte er nur auf den Gedanken kommen, dass die Vorsitzende eine alte Lady sei? Mit einer Chipkarte öffnete sie die Stahltür. "Kommen sie herein, bitte stellen sie sich gleich unter diese Lampe und bleiben sie stehen." Die Vorsitzende schloss die Türe und ging an einen kleinen Metallkasten, der an der Wand neben einer zweiten Türe angebracht war. Herzlein blieb wie ihm befohlen unter der Lampe stehen.

"Keine Angst, ist gleich vorbei." Die Vorsitzende drückte auf den einzigen Knopf im Schaltkasten. Mit einem leisen Surren öffnete sich ein kreisrunder Strahler, der sich langsam an einer Schiene nach unten bewegte. Wenige Zentimeter über dem schon schütteren Haar von Herzlein stoppte die Lampe. Ein blaues Licht ging für eine Sekunde an, danach fuhr das ganze wieder nach oben.

"So, das war’s schon." Die Vorsitzende öffnete nun die weiß lackierte Tür und bat Herzlein in ihr Büro.

"Was haben sie sich eigentlich dabei gedacht, die Tasche mit hierher zu bringen?"

Mit einer zarten Stimme stellte sie Herzlein die Frage.

Der, noch ganz benommen von der ungewöhnlichen Prozedur, wusste nicht was er darauf antworten sollte.

"Ja, ich weiß nicht, ... ich habe mir eigentlich gar nichts dabei gedacht."

Die Vorsitzende bat Herzlein Platz zu nehmen. Sie selbst ging hinter ihren Schreibtisch, blieb dort aber stehen. Herzlein wollte wieder aufstehen.

"Sitzen bleiben!" Ihr Ton wurde bestimmter. Herzlein tat was sie ihm sagte, er setzte sich wieder auf den am Fußboden festgeschraubten Hocker. Die Sitzfläche war aus Glas. Der Hocker stand in der Mitte des Raumes, ein Fenster gab es nicht. In den vier Ecken armdicke Leuchtstäbe, die vom Boden bis zur Decke reichten. An der Decke selber waren wiederum vier Leuchtstäbe als Quadrat angebracht. Der Schreibtisch war wie der Hocker aus Glas.

Die Vorsitzende lehnte nun seitwärts am Schreibtisch. Aus der linken Tasche ihres Jacketts nahm sie ein Handy, tippte die Nummer ein... "Stiller, was ist in der Tasche?" Herzlein erschien es endlos. Da ist doch gar nichts drin, das ist doch gleich gesagt. Die Vorsitzende hielt ihr Handy immer noch ans Ohr. Endlich... "War`s das?" das Handy verschwand wieder in der Jackettasche.

"Warum bringen Sie eine leere Tasche mit hierher?"

Zunächst war Herzlein froh, dass Stiller ihn offenbar bestätigte.

"Ja", begann er zögernd, "wissen Sie Frau Vorsitzende,"

"Herr Herzlein, bitte... kommen sie zu meiner Frage, warum nehmen Sie eine leere Tasche mit hierher in das Museum?" Da war er wieder der so besondere Tonfall, diesmal war es nicht das Wort 'leer', diesmal war es 'Museum'.

Die Vorsitzende ging um den Schreibtisch herum, blieb direkt vor ihm stehen. Als er wieder versuchte aufzustehen, war es ein winziges Kopfschütteln von ihr, das ihn davon abhielt.

"Herr Herzlein, eine Tasche hier bei uns ist sehr ungewöhnlich, um nicht zu sagen merkwürdig."

"Es ist das erste Mal, Frau Vorsitzende, das ich überhaupt eine Tasche..."

"Es ist einmal zu viel, Herr Herzlein, das wissen sie doch."

"Ja, schon... nur, ach ich weiß auch nicht, ich habe halt nicht mehr daran gedacht."

"Sehen Sie, so haben alle Ihre Vorgänger argumentiert, wenn sie das erste Mal eine Tasche mit hierher gebracht haben."

Herzlein standen Schweißperlen auf der Stirn.

Warum um alles in der Welt hatte er bloß diese dämliche Tasche mitgenommen. Er hatte doch achtundzwanzig Jahre lang nie eine Tasche dabei, ausgerechnet heute.

"Frau Vorsitzende, ich weiß nicht warum ich gerade heute eine Tasche mitgenommen habe..."

"Nein Herr Herzlein, das geht bei mir so nicht durch. Bilden Sie sich nicht ein ich würde darauf hereinfallen."

Herzlein spürte wie sich neue Schweißperlen bildeten. Ganz trocken war seine Kehle, die Zunge klebte am Gaumen, seine Handinnenflächen wurden feucht.

"Herr Herzlein, nehmen wir an, sie hätten heute wie sonst jeden Tag, keine Tasche dabei, wo wären sie jetzt?"

"Im Lichtraum, Frau Vorsitzende, jetzt wäre ich im Lichtraum."

"Richtig... und was würden Sie dort tun?"

Herzlein musste nicht lange überlegen, diese Arbeit war seit achtundzwanzig Jahren in Fleisch und Blut übergegangen.

"Ich arbeite am Schatten."

"Sehen Sie, Herr Herzlein, sie arbeiten am Schatten. ...Sie sind der einzige Mensch hier in diesem ganzen Komplex, der am Schatten arbeiten darf. ...Was wäre passiert, wenn diese Aktentasche bis zum Schatten vorgedrungen wäre?"

Herzlein war es jetzt gar nicht mehr wohl in seiner Haut. Die Vorsitzende sprach aber sehr ruhig und eher freundlich weiter

"Bedenken Sie doch in welche Situation Sie die ganze Organisation gebracht hätten, wenn Stiller Sie nicht aufgehalten hätte."

Jetzt war es heraus, ... nicht er hatte seinen Fehler erkannt, Stiller hatte seinen Fehler bemerkt, ihm die Tasche weggenommen und dann mit der Vorsitzenden telefoniert. Hätte er selber seine Tasche dem Museumswärter zur Aufbewahrung gegeben, diese Befragung wäre für ihn bei weitem nicht so unangenehm, an die Folgen nicht zu denken.

Aber... vielleicht war das die Rettung... vielleicht konnte er sich so aus der ganzen schlimmen Affäre retten.

"Frau Vorsitzende, Stiller kam so schnell auf mich zugesprungen, ich hatte gar nicht die Möglichkeit ihm meine Tasche zu geben, er hat sie einfach weggenommen."

"So, ... Stiller war zu schnell? Aber... Sie wollten doch ihre Tasche wieder von ihm haben? War das nicht so?"

Das hatte Stiller ihr also am Telefon gesagt, mein Gott wie dumm war er doch gewesen. Natürlich, Stiller... das hämische Grinsen konnte er sich schon ausmalen, als er der Vorsitzenden mitteilte, dass er seine Aktentasche ja wieder haben wollte.

"Nehmen wir an, Stiller war zu schnell, was hätten Sie mit der Tasche gemacht, wenn Stiller sie ihnen nicht abgenommen hätte?"

Herzlein schluckte, auf seinem gläsernen Hocker wurde es ihm jetzt ungemütlich. Auf seine nächste Antwort kam es nun an. Die musste ganz überzeugend und absolut glaubwürdig rüberkommen.

"Ich hätte ihm selbstverständlich die Aktentasche gegeben", Herzlein konnte die Vorsitzende nicht anschauen, sein Blick verfing sich im Quadrat der Leuchtstäbe an der Decke. "Ich hätte sie ihm gegeben, Frau Vorsitzende."

"Selbstverständlich hätten sie ihm diese Tasche gegeben", auch die Vorsitzende blickte jetzt nach oben an die Decke. "Nehmen wir mal an, Stiller wäre nicht so schnell gewesen..."

"Dann wäre die Tasche jetzt auch bei ihm, ganz sicher, ... ich hätte sie ihm gegeben."

Herzlein war bemüht bei der Vorsitzenden Punkte zu sammeln. Vielleicht konnte er seine Unachtsamkeit mit der Aktentasche noch mal ungeschehen machen.

"Ach Herr Herzlein, ... warum sagen Sie das erst jetzt, ...vorhin wollten sie die Tasche wiederhaben."

Aus war es... sie glaubte ihm kein Wort, Stiller hatte dabei noch nicht mal gelogen, er wollte ja die Tasche wieder haben. Wenn nur was drin gewesen wäre, dann könnte er wenigstens sagen, er müsse noch mal in der Tasche nachschauen, ob er auch alles dabei habe. Aber so... es war vorbei. Die Vorsitzende würde sich nicht mehr von ihrer Überzeugung abbringen lassen.

"Jedenfalls kann ich Sie nach dieser Sache nicht mehr nach hause gehen lassen."

Herzlein hielt den Atem an, jetzt würde es wahr werden, was alle immer gemunkelt haben. Hast Du auch nur einmal hier im Museum einen Fehler gemacht, dann wirst Du nie mehr durch das Eingangstor nach draußen gehen können. Das war es, was er nicht glauben wollte, wenn andere davon hinter vorgehaltener Hand redeten. Für immer und ewig innerhalb dieses Museumskomplexes leben. Keine Kontakte in die Welt nach draußen. Nicht eine einzige Botschaft. Nun, er war allein stehend, mit den Nachbarn hatte er so gut wie keinen Kontakt. Er lebte sein Leben zurückgezogen. Keine Stammkneipe, keine Männerrunde, nichts...

Würde das überhaupt jemand merken, wenn er nicht mehr draußen leben würde? Der Hausverwalter...? Irgendwann... sicher... keiner würde nach ihm suchen... Einfach nicht mehr da.

"Herr Herzlein, bitte gehen sie jetzt an ihren Arbeitsplatz und melden sie sich heute Nachmittag gegen vier Uhr bei Stiller, das weitere erfahren sie von ihm."

Herzlein stand auf, die Vorsitzende gab ihm mit einem kleinen Wink zu verstehen, dass er ohne ein weiteres Wort gehen kann. Er ging durch die weiße Bürotüre, ging unter der Lampe durch, die Stahltüre öffnete sich automatisch. Niemand begleitete ihn.

Als er die Treppe hinunter ging sah er Stiller in der Pforte. Der winkte ihn gleich herbei, "Mensch Herzlein, ich habe schon gedacht sie bleiben ewig da droben."

Ts, ewig da droben dachte sich Herzlein, der macht sich auch noch lustig über meine Situation. Erst jetzt merkte Herzlein, dass Stiller seine Aktentasche in der Hand hielt.

"So, Herzlein, hier ist ihre Aktentasche."

"Ich will sie nicht mehr!" Herzlein wich einen Schritt von Stiller zurück.

"Aber warum denn?" Stiller schaute verständnislos, Herzlein sah mit Panik in den Augen seine Aktentasche an. Stiller präsentierte sie ihm jetzt richtig. Mit weit vorgestreckten Händen hielt er sie Herzlein entgegen.

Teil II

Herzlein saß neben seinem Bett. Der trockene Mund, das schweißnasse T-shirt, die nasse Unterhose. Es war wieder passiert. Gestern Abend hatte er sich vollaufen lassen. Damit es schneller ging zwischendurch ein paar Ouzo getrunken. Wie er ins Bett kam wusste er nicht. Die oberste Schublade der Kommode lag am Boden, Unterwäsche und Socken verstreut im Schlafzimmer.

Immer wenn er besoffen war hatte er diesen Traum. Jedes mal musste er sich von dieser Vorsitzenden demütigen lassen. Er fühlte sich so mickrig, so winzlinghaft. Regelmäßig fand er sich nach dem Traum neben seinem Bett. Vorher spürte er wie der warme Urin in seinem Schritt nach hinten floss, wie er durch den Bettbezug in die Matratze sickerte. Er wollte immer aufstehen, auf die Toilette rennen, aber er blieb liegen, lies es einfach geschehen. Es war ein gutes Gefühl liegen bleiben zu können. Dann kochte es in seinem Inneren, eine gewaltige Kraft schleuderte ihn in seinem Bett herum. Zwischen Realität und Traum taumelte er einige Minuten. Zurück in den Traum, das schaffte er nicht mehr. Aus dem Halbschlaf heraus in die Wirklichkeit war nicht minder schwer. Orientierungslos, oben und unten existierten für ihn nicht, rollte er aus dem Bett. Jetzt war er wach. Spürte den Schweiß, den Urin, die klebrige Zunge und das Brennen im Hals.

Die winzige Zwei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock war solide eingerichtet, schließlich verdiente Herzlein gut. Eine 'Frau Herzlein' gab es nicht, hatte es auch nie gegeben. Noch nicht mal eine Damenbekanntschaft hatte er in all den zurückliegenden Jahren gehabt. Mit einundzwanzig war er das erste mal mit einer Arbeitskollegin zusammen. Nach Wochen kam es zu Zärtlichkeiten. Die Dame drängte zu mehr, nur Herzlein verspürte kein Verlangen nach ihrem Körper. Er begrapschte ihre Brust und fühlte nichts dabei. Mit dem Zeigefinger drang er in sie ein, er fühlte nichts. Als schließlich die Lady selbst Hand anlegte und nur etwas Schlaffes zwischen seinen Beinen fand kühlte das Verhältnis merklich ab. "Wenn Du schwul bist, sag es doch gleich." Das waren ihre Worte, sie stand von der Bank auf, zog den Schlüpfer hoch und glättete das Kleid. "Ich bin nicht schwul!" Das konnte er noch sagen, da war sie schon gegangen.

Herzlein hatte Recht. Er war nicht Homosexuell, er war Asexuell. Weder eine Frau noch ein Mann konnten ihn anmachen. Es reizte ihn einfach nicht.

Ja, die hatte er schon, die 'Morgenlatte', von der so oft und so ausgiebig im Pubertätsalter erzählt wird. Gewiss, er besorgte es sich gelegentlich selbst. Dass war kein schlechtes Gefühl. Aber, dabei dachte er nicht an irgendeine Frau. Er onanierte vor sich hin, das war's dann auch.

Weibliche Reize ließen ihn kalt. Keine zwielichtige Homobeziehung konnte ihn erpressbar machen. Die Organisation wurde bald auf ihn aufmerksam.

Er lebte zurückgezogen. Seine Ausbildung als Bibliothekar schloss er mit 'sehr gut' ab. Er hatte keine richtigen Freunde. Sicher kannte er ein paar Nachbarn. Dann gab es ein freundliches "Hallo" oder "Na wie geht’s denn". Zu mehr Bekanntschaft brachte er es nicht. In der Bibliothek hatte er sowieso einen stillen Kundenkreis.

Noch im Sitzen zog er sich die Unterhose aus. Das Bettlaken war nass. Ein gelber Rand markierte den Riesenfleck nach außen.

Er zog das Bett ab, stellte die Matratze raus auf den Balkon hinein in die Sonne. Jetzt erst nahm er die Flasche aus dem Kühlschrank, mit gierigen Schlucken sog er das Mineralwasser in sich um gleich darauf einen lang gezogenen Rülpser von sich zu geben. Unter der Dusche brannte seine Haut. Die Dampfschwaden beschlugen die Fensterscheibe. Erst an der Schmerzgrenze stellte er den heißen Strahl ab.

"Wenn die erfahren, dass Du säufst, dann bist Du erledigt."

Wie oft hatte er sich selber diesen Satz gesagt. In Gesellschaft trank er nie Alkohol, in Wirtshäuser kam er nur ganz gelegentlich, auch da zog er Antialkoholisches vor. Aber zuhause, da kannte er keine Grenzen. Bier und Schnaps, das waren seine beiden Freunde in den einsamen Stunden. Momentan war Ouzo sein bester Freund, aber das konnte sich wieder ändern. Diese Freundschaft wurde durch die Sonderangebote bei Lidl oder Aldi stark beeinflusst.

Teil III

"Guten Morgen Herr Herzlein."

Stiller stand neben dem Empfang und lies ihn in die Schleuse. Mit einem Kopfnicken nahm Herzlein seine Identifikationskarte und steckte sie in den Automaten, dann ging er mit seinem linken Auge vor die elektronische Kamera.

Sekunden später öffnete sich das Stahltor.

"Ist sie schon da?"

"Nein, Montags kommt sie immer etwas später", antwortete Stiller.

"Benachrichtigen sie mich, wenn sie hier ist."

Herzlein verschwand hinter der Stahltüre, die sich lautlos schloss. Er schmeckte den Ouzo auf seiner Zunge, das intensive Zähneputzen konnte den Geschmack nicht ganz ausmerzen. Heute Morgen war er wieder der Alte.

"Sie", das war Frederike Ullstein, die Leiterin der Abteilung 5. Herzlein hatte eine tiefe Abneigung gegen diese Frau. Er war der Meinung, dass sie von der Gegenseite als verdeckte Agentin in die Organisation eingeschleust wurde, nur konnte er es nicht beweisen. Die ersten beiden Jahre war sie in seiner Abteilung zuständig für die Dechiffrierung.

Er hatte immer das Gefühl, sie wolle mit ihm eine Beziehung anfangen. Wenn er mal länger arbeitete machte sie auch Überstunden. Wie zufällig kam sie immer dann in sein Büro, wenn er alleine war. Sie redete zunächst über dienstliche Belange und versuchte Herzlein nach seinen Hobbies auszufragen. Er gab sich einsilbig und desinteressiert. Gelegentlich bat sie um seinen Rat, dabei wusste Herzlein sehr genau, dass sie diesen gar nicht nötig hatte.

Von oberster Stelle wurde sie plötzlich in die Abteilung 5 versetzt und schon nach wenigen Wochen als Leiterin bestellt.

Teil I

   

 

Teil II

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