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Beginn 1.
Kapitel |
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- Phantastische Welten malte er sich aus.
Gigantismus predigte er Provinzialismus lebte er. Er wollte die Sterne erobern
und scheiterte am eigenen ich. Was für ein Mensch. Ein Blender, ein Phantast
und ein Zauderer.
- Seine Entscheidungen fanden im Kopf statt,
nur Weniges davon setzte er in die Tat um. Kannten sie ihn so schlecht oder
wollten sie es nur nicht sehen?
- Mit diesen Worten fängt er seine Novelle an
und weiß, dass er sein eigenes Leben beschreibt. Ältlich ist er geworden. Die
Fassade hält, nur für ihn ist diese Fassade nicht mehr gut genug. Da trifft er
dieses Mädchen. Sie ist so anders als alle anderen. Sie bringt ihm seine
Vergangenheit zurück, erinnert ihn an den schlimmsten Schmerz seines Lebens.
Nach einem ersten Blick in ihre Augen erkennt sie seine Gespaltenheit. Er hat
sich nicht mal die Mühe gemacht sie zu blenden, so vertrauensvoll findet er
sie.
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- Der Papierkorb
quoll über. Gestern holte er Niedergeschriebenes von letzter Woche aus der
Mülltonne zurück. Er hörte den Müllwagen, rannte auf die Strasse und rettete
was zu retten war. Plötzlich sah er seine Skizzen mit anderen Augen. So kurz
vor dem Vernichten wurden dieses Texte kostbar. Noch einmal hätte er solche
Worte nicht mehr aufschreiben können.
- Eine Novelle, davon
träumte er. Eine Novelle wollte er schreiben. So wie die großen Romanciers,
wie Heinrich Kleist, Thomas Mann und natürlich Theodor Storm. Storm’s ‚In
Aquis submersus’ hatte ihn als jungen Menschen betroffen gemacht, in Pole
Poppenspäler fand er Parallelen zu seinem eigenen ich und im Schimmelreiter
fand er die wahre Größe der Erzählkunst. Theodor Storm erlebte den Welterfolg
seiner Novelle nicht mehr.
- Nächtelang saß er
am Tisch, zermarterte sich das Hirn. Alle Figuren, die er ersonn waren schon
irgendwo und irgendwie niedergeschrieben. Papierfetzen um Papierfetzen
produzierte er. Kein Satz war ihm gut genug. Er musste selber hineinschlüpfen
in die Handlung. Er wurde zu ‚Gaston’, seinem zweiten Ich.
- Kühne Pläne hat er,
ausbrechen will er, heraus aus seinem monotonen Alltag, aber wohin? Ausbrechen
ist gut, aber dann? Folgt dann eine andere Monotonie oder wird er wieder zum
Außenseiter? Dazu taugt er nicht.
- Gaston kickt mit dem Schuh einen Kiesel vom
Asphalt und biegt in die Gasse ein.
- „Mach mir einen Roten, den wie immer!“
- „Und was ist das für einer?“
- Vor Gaston steht ein Mädchen.
- „Aber ...?“
- „Ich bin Serena, die Tochter vom Wirt.“
- Gaston kennt keine Serena, nie gesehen.
- „Vom Wirt die Tochter?“
- fragt er und macht dabei ein Miesgesicht.
- „Du bist Gaston.“
- Jetzt bringt er ein holpriges Grinsen
zustande.
- „Sag Mädchen, woher kennst Du mich?“
- Dabei schaut Gaston schon freundlicher.
- „Ich bring Dir den Wein.“
- „Bring mir einen aus den Château Hélène.“
- Gaston lacht über das ganze Gesicht und
fährt sich unbeholfen über seine Bartstoppel.
- Château Hélène trinkt er nur bei speziellen
Anlässen und heute ist so einer.
- „Ich habe von dir geträumt, schon ein paar
Mal“ Sagt das Mädchen.
- „Geträumt ? ... von mir?“
- Das ewige Thema ...
‚Mann und Frau’. In seiner Novelle soll es neu geboren werden. Tagsüber ist er
der Durchschnittsmensch, geht seiner Arbeit nach, einer verantwortungsvollen
Arbeit. Als Arzt genießt er hohes Ansehen. Er hätte Frauen haben können, jetzt
sind seine guten Jahre vorbei. Allen Versuchungen widerstand er. Vielleicht
eine Berührung, ganz selten ein Kuss, mehr nahm er sich nie. Jetzt ist es Zeit
seine Novelle zu schreiben. Seine Nächte sind dieser Novelle gewidmet.
- Gaston kratzt sich wieder den Bart und fährt
mit dem Ellenbogen über den Tisch, so als ob er ihn abwischen will. Serena
bringt den Wein, dabei berührt sie mit ihrem Arm seine Schulter.
- Der Stoff seiner Joppe ist dazwischen und
Serenas Bluse. Trotzdem fühlt er nackte Haut.
- „Als Kind habe ich von Dir geträumt, genau
so wie du sah der Mann aus, der mich mitnahm in eine Zauberwelt. Ich nannte
ihn damals ‚Gaston’ – du bist doch Gaston, oder?
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- Wie war es gewesen,
in seiner Jugend? Die haben es heute viel leichter mit der Sexualität. Damals,
in einer verklemmten Gesellschaft war es nicht möglich gewesen auszubrechen.
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- „Serena, kein alltäglicher Name.“
- Gaston rückt auf der Bank zur Seite, Serena
setzt sich neben ihn.
- Sie legt ihre Hand auf seinen Arm.
- Er spürt ihre Zartheit, ihre
Zerbrechlichkeit und wünscht sich zurück in seine Jugend.
- „Wie alt bist Du, Mädchen?“
- Mein Gott, diese grünen Augen, sie bohren
sich hinein in sein Gesicht.
- „Morgen werde ich Zwanzig.“
- Gaston nippt am Glas, ganz wenig schlürft er
zwischen seine Lippen. Der Minervois will genossen werden.
- „Schmeckt er Dir?“
- Serena lächelt ihn an. Wieder spürt er die
grünen Augen in seiner Seele.
- Wie alt ist er? Fünfundfünfzig. Dieses
zwanzigjährige Ding bringt ihn in Verlegenheit.
- „Wo ist der Wirt?“
- „Er ist in der Stadt Besorgungen machen.“
- „Bist Du alleine im Haus?“
- „Ja, mein Vater wollte heute die Bar gar
nicht öffnen, aber ich habe ihm gesagt, das könnte ich schon.“
- „Ich hab dich noch nie hier gesehen. Wusste
gar nicht das er eine Tochter hat.“
- Gaston genießt diese Augen, genießt die Hand
auf seinem Arm, die Jugend neben ihm.
- „War für ihn auch schwer, hat mich lange
verleugnet, aber Geld hat er mir immer geschickt.“
- „Er hat Dich verleugnet?“
- „Ja, ich bin ein Bastard. Meine Mutter war
mit einem anderen Mann verheiratet als sie sich mit meinem Vater eingelassen
hat. Der Mann meiner Mutter hat sich, noch bevor ich geboren wurde, aus dem
Staub gemacht. Als ich zwei Jahre alt war ist meine Mutter verunglückt. Ich
wurde zu einer Verwandten meines wirklichen Vaters gebracht. Er kam
regelmäßig zu Besuch, es durfte nur keiner wissen, dass ich seine Tochter
bin.“
- Serena ist ernster geworden, ihr Lachen
sucht Gaston vergebens. Nur ihre Hand auf seinem Arm, die ist noch da.
- „Warum hat er das getan?“
- „Ich wusste es lange auch nicht, dachte er
wäre ein Onkel oder so. Ich habe angenommen mein Vater sei tot.“
- Gaston nimmt einen Schluck. Der Rotwein
schmeckt plötzlich bitter, das Mädchen neben ihm wirkt so erwachsen und doch
so kindlich. Nur ihre Augen, ihre grünen Augen bohren sich weiter hinein in
sein ich.
- „Vater hatte Angst. Angst vor der Sünde und
Angst vor der Verantwortung. Letzte Woche ist seine Schwester, meine
Ziehmutter, gestorben. Sie hat es mir auf dem Sterbebett gesagt, das ich seine
Tochter bin.“
- Serena sitzt ganz still neben ihm. Das
Schweigen tut gut. Was soll Gaston darauf antworten. Als er seinen Kopf zu ihr
dreht gibt sie ihm zu verstehen, dass er jetzt nicht reden soll.
- Gaston steht auf, nestelt unbeholfen an
seiner Joppe, fährt mit der Hand in die Außentasche und legt zwei Münzen auf
den Tisch.
- Der Wein ist nicht mal zur Hälfte getrunken.
Gaston vermeidet den Blick in ihre Augen und er bemerkt trotzdem die Tränen.
Jetzt steht sie auf, wischt mit ihrer Schürze über den Tisch.
- „Trink den Wein aus, sonst muss ich ihn
wegschütten, – bitte.“
- Er nimmt das Glas und nippt daran, der Wein
ist bitter geworden.
- Was ist an diesem Mädchen so anders? Serena,
ein seltener Name. Sie hat ihm in kurzen Worten ihre Lebensgeschichte erzählt.
Sie hat als Kind von ihm geträumt.
- Das ist doch Unfug, sicher hat ihr Vater von
ihm erzählt, dabei muss auch sein Name erwähnt worden sein. Er soll sie in ein
Zauberland geführt haben.
- Seine ersten
Passagen fliegen nur so über das Papier. Gaston ist ihm gut gelungen, ein
Raubein mit zarter Besaitung, so will er ihn zeichnen. Aber das Mädchen, da
weiß er nicht so recht welches Gesicht er ihr geben soll. Die kleine
Unschuldige oder die fordernde Schöne. Gaston wäre es sicher lieber, wenn sie
die Unschuldige bleiben würde. Aber Gaston hatte einen Allerweltsgeschmack.
Seine Novelle soll Mann und Frau anders zeigen. Er kann aus Gaston auch einen
hochsensiblen Instinktmenschen machen. Das soll ihm schon gelingen.
- Serena ist verwirrt. Was ist anders an
diesem Mann? Sie wischt den Tisch ab. Gaston hat nicht ausgetrunken. Der
Minervois steht noch daumendick im Glas. Sie riecht daran, der süßlich bittere
Geruch verlockt sie den Geschmack intensiver zu erleben. Als sie das Glas mit
ihrem Mund berührt spürt sie seine Lippen. Der winzige Schluck wärmt ihre
Zunge, das ist nicht unangenehm. Schon als er sie mit seinem Arm berührte war
ihr Körper sensibilisiert.
- Wenn Vater sie besuchte erzählte er immer
sehr viel. Meist war es Belangloses aus seiner Kneipe, aus seinem Alltag.
Immer dann, wenn Gaston in seinen Erzählungen auftauchte wurde es für Serena
interessant. Nicht, dass dann was Ungeheuerliches passiert wäre, es war Gaston
selbst, der Vaters Erzählungen interessant machte.
- Gestern kam sie hierher. Ihr Vater erschien
ihr so fremd, bei Gaston ist das anders. Das Gesicht ist ihr vertraut, obwohl
sie es noch nie vorher sah. Sie schmeckte schon damals den Rotwein, als Vater
ihr vorschwärmte, wie Gaston nach seinem vierten Glas Salsa tanzte.
- Sie roch seine Jacke, wenn Vater von Gaston
erzählte. Das von der Sonne gegerbte Gesicht sah sie vor Augen, die
verschwielte Hand, wenn er nach dem Rotweinglas griff.
- Um die Mittagszeit sind selten Gäste in der
Bar. Erst in den Abendstunden kommen die Männer hierher. Sie kommen von den
Weinbergen, den Kürbisfeldern, die sich rund um den Ort ausdehnen. Sie
arbeiten hart in der Hitze. Eine andere Arbeit gibt es nicht in dem Dorf. Der
Weinanbau ernährt die wenigen Familien, die hier noch leben.
- Serena kennt wenige Namen von Vaters
Erzählungen. Nur Gaston stach aus all den Namen heraus.
- Jetzt ist sie angekommen.
- Die winzige Behausung bewohnt Gaston seit
fünfzehn Jahren. Damals kam er genau so fremd hierher in diese gottverlassene
Gegend wie Serena jetzt. Anfangs fragten sie nach seiner Herkunft, seinem
Leben. Das hartnäckige Schweigen ließ die Fragen allmählich verstummen.
Niemand kennt hier seinen richtigen Namen. ‚Gaston’, den Namen gab er sich
selbst bei der Ankunft. Die Anderen heißen Claude und Pino, Bastian und Carol.
Dadurch wurde er einer von ihnen.
- Im Keller hinter der Traubenpresse ist seine
Vergangenheit versteckt. Fünfzehn Jahre schlummert sie. Gleich am ersten Abend
damals verwahrte er die Ledertasche hinter der Presse. Nie mehr nahm er sie in
die Hand. Jetzt ist die Zeit gekommen. Mit seinem Ärmel wischt er den Staub
vom Leder. Die zwei Schnallen sind verrostet. Mit Mühe und dem Taschenmesser
gelingt es ihm die Tasche zu öffnen. Das gebleichte Schwarz-Weis-Foto
betrachtet er lange.
- In einem Umschlag ein mehrfach gefalteter
Brief, die Papierfetzen sind auf einem zweiten Blatt zusammengefügt und
aufgeklebt.
- Es war jener Abend in seinem früheren Leben
an dem er die Wahrheit durch diesen Brief erfuhr. Voller Wut und Enttäuschung
zerriss er die Zeilen und warf sie auf den Boden. Am nächsten Tag fügte er sie
wieder zusammen und klebte sie auf einen neuen Papierbogen.
- „Das Kind, das ich gebären werde, ist nicht
von dir, Bitte verzeihe mir. Ich liebe Dich!“
- Diese Sätze zerrissen damals sein Leben.
- Er ging nicht mehr zurück zu ihr. Viele Tage
trampte er wahllos umher. Er schlief in Scheunen und leer stehenden Gehöften.
Er mied die Dörfer mit ihren Menschen. Wem sollte er von seinem Schmerz
erzählen? Der einzige Mensch, dem er sich hätte mitteilen können enttäuschte
ihn bitter.
- Wenn du unglücklich bist, vergesse deinen
Namen, deine Herkunft und fange ein neues Leben an.
- Das sagte ihm damals ein Freund. Er erwähnte
nie mehr seinen Namen und vergaß ihn trotzdem nicht. Er berief sich nie mehr
auf seine Herkunft und konnte sie doch nicht vergessen. Vor fünfzehn Jahren
wurde er von dem Gutverwalter gefragt wie er hieße. Gaston sagte er damals
ohne zu überlegen. Weitere Fragen gab es keine, Gaston war mit dem Lohn
einverstanden, so wurde er Erntehelfer in den Weinbergen des Minervois.
- Seine Vergangenheit hat ihn eingeholt.
Zwanzig Jahre ist er vor ihr weggelaufen. Heute war sie wieder da. Gaston
nimmt die Photographie in die Hand. Wie kann es so eine Ähnlichkeit geben? Es
ist das gleiche Gesicht.
- Fast fünf Jahre trieb es ihn in halb Europa
umher. Er lebte unstet, ohne eine feste Bleibe, nirgends konnte er sesshaft
werden. Es zog ihn fort ohne ein nächstes Ziel vor Augen gehabt zu haben. Weg
von seiner Gegenwart hinein in die Zukunft, die nur immer für wenige Tage
vorhersehbar war. Der Aufenthalt am Canal du Midi war Zufall, so dachte er
damals.
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